Ägypten?!?


„Kann ich dich kurz was fragen?“

Sympathischer Typ berührt meinen Arm und lächelt mich an.

„Klar.“

Typ holt tief Luft, Augen werden groß, Wortschwall ergießt sich:

„Stell dir vor, heute morgen, ich hab die Geschichte vom Volk Israel gelesen. Wie sie aus Ägypten ausgezogen sind. Kennst du die Geschichte?“
„Kenne ich,“ antworte ich auf seine Frage und scanne nebenher die Umgebung nach meiner Frau. Es ist Sonntagmorgen kurz vor Mittag. Ich stehe am Eingang zur Kirche. Es ist der erste Gottesdienst seit Jahren, den wir gemeinsam besuchen. Nun ist sie verschwunden und dabei brauche ich gerade jetzt ihre Hilfe.

„Also“, der Typ rüttelt an meinen Schultern, „ich wurde regelrecht von dieser Geschichte angesprochen. Das hat mich beeindruckt, ehrlich. Wie die Israeliten sich auf den Weg gemacht haben. Das war doch ein echter Neuanfang!“

Mit dem Handrücken wischt er sich Spucke vom Mundwinkel.

„Ich habe ganz extrem den Eindruck, dass es Zeit für mich ist. Verstehst du?“

„Hmm,“ brumme ich.
Soll heißen: Nein.
Nein, ich verstehe gar nichts. Ich weiß auch nicht, worauf der Typ hinaus will.

„Hey, echt jetzt nicht? Komm schon, ich frag mich schon so lange, wann ich endlich aus meinem Gefängnis ausbrechen soll. Und heute morgen hatte ich den Eindruck: Lies doch mal wieder die Bibel. Ich schlag also irgendwo auf und dann springt mich das regelrecht an, wie die Israeliten alles zurücklassen und sich auf den Weg machen. Mensch, das ist doch eindeutig! Dadurch hat mir Gott klar gemacht, dass ich ihm vertrauen und alles zurückzulassen soll!“
„Durch die…“
„Ja, genau! Etwas komplett Neues beginnen. Loslegen. Raus aus dem Trott. Nicht mehr unter dem Pharao leben und leiden müssen, sondern die Freiheit spüren. Verstehst du jetzt, was ich meine?“

„Wie meinst du das mit dem Pharao?“, frage ich vorsichtig nach.

„Jetzt mal echt, oder? Du kapierst das nicht? Das tut mir leid, denn dann lebst du ganz offensichtlich noch in Ägypten. In der Knechtschaft. Logo, mit jemand wie dir kann ich doch gar nicht über Freiheit sprechen. Au Mann, jetzt fällt’s mir auf: Deine Ketten sind nicht zu übersehen! Was hast du für ein biederes Leben. Sprich mit dem Pastor, der macht dich frei!“

„bied…“

„Jau, bieder. Total! Weißt du eigentlich, wie festgefahren du bist? Kennst du deine Gaben und deine Bestimmung? Du tust mir leid, echt, denn du wirst nie Wunder erleben.“

Der Typ schiebt seine Mütze in den Nacken.

„Na ja, dann mach´s gut in deiner Abhängigkeit und deinem langweiligen Leben. Ich geh packen. Muss neues Land entdecken. Gott segne dich!“

Er schiebt mich zu Seite und läuft davon.

 

 

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