Angst vor Nazis


Geschichten erzählen ist das eine, Geschichten erzählt bekommen das andere.
In der aktuellen Rechtsradikalismus-Nazitum-Debatte bin ich dankbar für solche Erinnerungen:
 
„Meine Mutter lebte in ständiger Angst. Sie war mit der Vergabe von Essensgutscheinen betraut und gegen Ende des Krieges gab’s ja nicht mehr viel. Alle hatten Hunger, das Essen wurde rationiert und man konnte nur mit Gutscheinen einkaufen. Ohne Gutscheine wären die Menschen verhungert.
Meine Mutter musste bei der Vergabe der Gutscheine bestimmte Anordnungen befolgen. Eine hieß: Kommen Juden und wollen Essensgutscheine, muss da ein Stempel drauf. Ein rotes „J“. „J“ wie Jude! Aber da hat meine Mutter nicht mitgemacht! Sie gab alle Essensgutscheine einfach so an die Leute weiter, ohne diesen Stempel.
Und Mutter hatte immer Angst, dass die Nazis kommen und sie wegsperren. Oder in ein Lager bringen.
Der Chef von Mutter bekam das auch mit, dass sie nie den Stempel benutzte. Er drohte damit, sie zu verraten. Der Mann hatte ja selbst Angst! Wir können uns das heute ja nicht mehr vorstellen, wie es ist, in ständiger Angst vor einer Verhaftung zu leben. Gott sei Dank!
Auf jeden Fall kam es dann so weit, dass er ins Büro meiner Mutter gerannt kam und ihr mit erhobenem Zeigefinger drohte, sie an die Behörde zu verraten. An die Behörde! Das waren die Nazis und wir wissen ja, was das bedeutete.
Meine Mutter ließ sich nicht einschüchtern. Sie verteilte weiterhin die Essensgutscheine… ohne abzustempeln. Sie machte keine Unterschiede, für sie gab es keine Menschen zweiter Klasse. Und ihr Chef hat sie nie verraten.
Meine Mutter hat mir diese Geschichte erst nach dem Krieg erzählt.“
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