Kartongrinser

Da hat man sich endlich hinter seiner Mauer hervorgetraut, das Automobil beladen, den frühen Morgen ausgenutzt, losgedüst… und keine Stunde später nur noch ätzendes Stopp & Go auf der A1. „Zäh fliessender Verkehr“, behauptet die Stimme von einsLive, „auf acht Kilometer.“

Gerade noch rechtzeitig – bevor das Frustpotential den roten Bereich erreicht und die nächste Ausfahrt als Alibi einer abgebrochenen Jungfernfahrt herhalten muss – entdecke ich den fröhlichen Mitfahrer im blauen Auto rechts von mir. Da hängt einer auf der Rücksitzbank und grinst richtig fett herüber. Gäbe es unter seinem Kartongesicht auch noch einen Rumpf… er würde winken. Garantiert. Zur Erinnerung mache ich noch schnell ein Foto vom Grinsgesicht und lächle zu ihm hinüber. Falscher Zeitpunkt, denn durch diese Aktion übersehe ich die Ausfahrt; also nix mit Umkehren und nach Hause fahren. Und so stoppe und goe ich mich Kilometer um Kilometer dem Ende der Baustelle entgegen. Ausfahrt verpasst… und das nur wegen zwei (un-)geschickt aufeinander gestapelten Kartons.

Auf den restlichen 350 Kilometern gibt´s dann allerdings keine Staus mehr. Und auch der Kartongrinser hat sich gleich nach der Baustelle von der Piste gemacht.

Strandgezeter

möwe

„Und… welche Vorsätze und Wünsche hast du so fürs Neue Jahr?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte die Möwe ihren Schnabel in den nassen Sand. Ihr Kopf schnellte nach oben, ein kleiner Wurm zappelte durch die Luft und landete in ihrem Rachen.

„Der dritte in nur einer Minute. Gute Stelle hier!“

Schon wieder raste der Schnabel nach unten. Eine Welle überschlug sich und überschwemmte ihr Gefieder.

„Dummes Wasser! Nummer vier wäre fällig gewesen, ich sitze hier auf einer Goldgrube.“

Sie schüttelte sich. Ihr Nebenmann sagte immer noch nichts.

„Ich habe mich dafür entschieden, mein Leben zu verändern. Und zwar total!“

Das „total!“ brüllte sie so laut über die schmale Landzunge, dass auch die anderen auf ihr Geschrei aufmerksam wurden. Hüpfend und kreischend näherten sie sich dem Störenfried.

„Habe ich euch aus eurem Tiefschlaf gerissen? Schreien und fressen, mehr geht nicht, oder? Was führt ihr für ein langweiliges Dasein!“

Die Möwe spannte ihre Flügel aus.

„Ich werde mich zu neuen Meeren aufmachen! Es gibt viel mehr als diese Landzunge! Vorsätze müssen gefasst UND umgesetzt werden. Versteht ihr? Das Leben wartet dort draußen auf uns. Wir müssen das Leben SPÜREN!“

Die anderen verdrehten ihre Köpfe.

„Wie?“ schrie einer.

„Lass ihn doch reden und halt den Schnabel!“ brüllte ein anderer.

Die Möwe war jetzt in ihrem Element:

„Die weiten Meere warten doch auf unser Kommen, Freunde, wir müssen aktiv werden, uns endlich aus unserem langweiligen Dasein befreien und die Veränderung suchen! Nur wer sich aufs Meer hinaus wagt, wird an seine Grenzen kommen und die dann überwinden!“

Ihr Schnabel jagte in den nassen Sand. Ein Wurm zappelte schon wieder seinem Ende entgegen.

„Das Glück ist nur denen hold, die es herausfordern.“

Schon wieder ein Wurm.

„Nummer sechs!!“

„Fünf.“

Zum ersten Mal meldete sich der schweigende Nachbar zu Wort.

„Von mir aus. Fünf oder sechs, darauf kommt es doch nicht an. Immerhin habe ich schon viel mehr gefangen als du.“

Sie breitete ihre Flügel aus und ließ sich vom Wind die nassen Federn trocknen.

„Du hast mir immer noch nicht meine Frage beantwortet. Welche Vorsätze hast du fürs Neue Jahr?“

Die alte Möwe legte ihren Kopf zur Seite, breitete die Flügel aus und ließ sich vom Wind nach oben transportieren.

„Fliegen!“, rief sie in Richtung der unter ihr immer kleiner werdenden Landzunge, “einfach fliegen!“

Sturm (weg-)beten

Foto

Sturm beten, weil die Geliebte mit fast zweistündiger Verspätung in den Himmel abhebt. Köln/Bonn 17.20 Uhr. Eigentlich. “Wegen Unwetter und Sturm kommen wir hier nicht weg” steht in der SMS und mir stehen ansatzlos die Bilder von den Titelseiten der “Welt”, “Bild” und der “Süddeutschen” vor Augen. Das sind die Tageszeitungen, die’s hier am Terminal zu kaufen gibt. Jetzt ist es kurz vor halb neun und noch immer ist nichts von ihr zu sehen. Die Ankunftszeit scrollt fünfminütig nach weiter hinten.

“Sturm haben” und “Sturm beten” sind zwei Paar Stiefel. Für den einen kann ich nichts, für den anderen schon. Wenn ich mir das so vorstelle, wie mein ängstliches Gebet für KEINE Lacher in der unsichtbaren Welt sorgt, dass kein überfordert angenervter Engel, der gerade dem Ende seiner Schicht entgegenwartet, wegen mir widerwillig ein paar Überstunden schieben muss… – sondern dass mein Stammeln ernst genommen wird, dann beruhigt mich das extrem.

Und weil’s sich’s hier um keinen Tod bringenden, zerstörerischen Orkan handelt, sondern um einen, der Hilfe und Heilung bringen soll, stürmt’s jetzt weiter – aus meinem Herz in Richtung unsichtbarer Welt.

Nachtrag 1: Die erwartete Ankunftszeit blinkt jetzt bei 21:39 Uhr. Das ist eine extra Stunde durch den iberischen Luftraum. Hüben wie drüben.

Nachtrag 2: 21:50 Uhr – kleines, panisches Herz hat Ruh’. Sie hat wieder festen Boden unter den Füßen. Gott sei Dank!

Die Nutte, die Blumen & das Mädchen

Blumen

Ich schätze sie auf Mitte Vierzig. Sie sitzt auf einem weißen Plastikstuhl und wippt mit ihrem rechten Bein. Dabei versucht sie unentwegt, Blickkontakt mit den Vorbeifahrenden herzustellen. Bleibt einer zu lange in ihren Augen hängen, hält sie ihr schwarzes Haar in den Wind und legt die Hand aufs Knie. Trotzdem bremst keiner ab. Bei fast dreißig Grad im Schatten hat wohl niemand große Lust auf eine schnelle Befriedigung. Keine guten Arbeitsbedingungen für jemand, der sich so seinen Lebensunterhalt verdient.

Nur ein paar Meter weiter stecken bunte Blumen in der Leitplanke. Ich sehe sie nicht zum ersten Mal. Und doch öffnet sich gerade jetzt die Tür zurück in die Vergangenheit. Eine Geschichte, schon vor Jahren passiert, steht unerwartet vor mir und versetzt mich hinein in eine längst vergangene Zeit. Es ist gerade so, als ob du dir ein altes Buch aus dem Regal ziehst, ein paar Seiten darin blätterst und dir dann unvermittelt ein zerknittertes Foto in die Hände fällt. Du hast es seinerzeit als Lesezeichen benutzt. Du starrst auf die Gesichter und die Zeitmaschine zerrt dich durch die Jahre.

Ich bremse ab und fahre an den Straßenrand. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel – die Frau bleibt sitzen.

Abenteuerurlaub. Jugendgruppe. Mit der Fähre ging´s von Italien hinüber nach Griechenland. Dann weiter mit dem Reisebus. Die Fahrt führte durch das Pindus – Gebirge. Ziel: die Meteora – Klöster. Das hieß: Eine Kurve nach der anderen. Stundenlang. Abbremsen, Gegenverkehr ausweichen, Gas geben. Mir war kotzschlecht. Gerade noch rechtzeitig gab ich dem Fahrer das Zeichen zum Anhalten, fiel aus dem Bus, beugte mich über die Leitplanke und würgte. Ein paar Meter weiter steckten bunte Blumen in der Leitplanke. An ihnen hing ein Foto in schwarz/weiß.

Kurze Zeit später ging´s wieder. Mein Magen hatte sich beruhigt und der Busfahrer gab sich Mühe. Erst jetzt registrierte ich die vielen frischen Blumen entlang der Straße. Alle paar Kilometer ein Strauß – meistens weiße Nelken.

Abends, endlich am Campingplatz angekommen, trafen wir uns, um das Programm für den nächsten Tag durchzusprechen. Die Jugendlichen baten mich noch um eine kurze Abendandacht und ich wählte die vielen Blumen als Beispiel dafür, wie schnell das Leben sich verändern oder auch vorbei sein kann. Unfall, Verletzung, Tod. So schnell, dass manchmal gar keine Zeit mehr bleibt, um sich von seiner Familie und seinen Freunden zu verabschieden. „Das Leben bewusst gestalten und leben…, und auch die Zeit danach nicht vergessen… – Herausforderungen, die wir nicht verdrängen dürfen.“ 

„Wie meinst du das?“ Sie war höchstens achtzehn und saß auf ihrer Luftmatratze.

Ich griff nach meiner Bibel und las ein paar Zeilen einer Geschichte vor. Darin konfrontiert eine junge Frau Jesus mit einem Todesfall aus ihrer Familie. „Wer an mich glaubt“, gibt ihr Jesus seinerzeit zur Antwort, „wird leben – auch dann, wenn er gestorben ist. Glaubst du das?“ Anstatt eines schlichten „ja“ oder eines bloßen Kopfnickens formuliert diese Frau ein Bekenntnis, das zeigt, wie sehr sie sich mit dieser Frage schon seit längerem auseinandergesetzt hat: „Ich glaube, dass du der Erlöser, dass du der Sohn Gottes bist.“

Später, als die anderen schon in ihren Schlafsäcken lagen, kam sie zu mir. Verheulte Augen. Sagte, dass es mit ihrem Glauben an Jesus nicht weit her sei. Dass sie wolle, aber nicht wisse, wie. Und dass sie das auch so sagen möchte wie diese Frau aus der Geschichte von vorhin.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie lange wir in jener Nacht über den Glauben, Jesus und das Leben gesprochen haben. Ihr Bekenntnis zu Jesus habe ich aber nicht vergessen. Sie hatte sich genau überlegt, was für ihr Leben wichtig sein soll. Jesus gehörte dazu.

Die Lady sitzt noch immer auf ihrem weißen Stuhl. Sie schaut in eine andere Richtung. Ich steige aus dem Auto und knie nieder. Die Blumen sind aus Plastik und kleben schon seit längerem an diesem Ort. Ein Foto ist nicht dabei.

Wer immer hier auch sein Leben beenden musste… ich hoffe sehr, dass es für ihn auf der anderen Seite in einer neuen Zeitrechnung weiter geht.

 

Hausmeister und Schreibmaschine

„Schreiben Sie Ihre Geschichten mit der Schreibmaschine?“ Der Hausmeister schaut zu mir auf, während er in einer leichten Verbeugung an der Haustür steht. Er fummelt an einem riesigen Schlüsselbund, um endlich die Tür in die Wohnung aufzuschließen. Einen Monat lang will ich versuchen, die unvollendeten Geschichten der vergangenen Jahre fertigzuschreiben. Dazu habe ich die Abgeschiedenheit gewählt. Selbstversorger, Auswärtsschläfer, Medikamentenschlucker. „Nein, ich habe meine Papyrusrolle im Auto“, will ich seine Frage beantworten, halte mich dann aber doch zurück. Stattdessen überlege ich mir, ob er mit Begriffen wie „Notebook“ oder „Laptop“ etwas anfangen kann. Ich entschließe mich nach einer kurzen Pause für „Computer“. Der Hausmeister nickt, streckt sich und öffnet die Tür. „Der mit dem kleinen Riss in der Rundung, der ist es!“ Er hält den Schlüssel gegen die Sonne. Ich kann nichts sehen, aber die Tür steht offen. „Habe gestern alles vorbereitet“ sagt er im Hineingehen.

Dann erklärt er mir, wie ich den Gashahn aufdrehen muss, in welche Richtung der Haupthahn vom Wasser zu bewegen ist, damit die Waschmaschine funktioniert und welche Sicherungen einzuschalten sind, so dass ich Strom habe. Und ich verstehe alles.

Das, am Rande bemerkt, ist nicht selbstverständlich. Ich habe von praktischen Dingen so viel Ahnung wie ein Schäferhund vom Autofahren. Dass mir als Handwerkernovize in Sekundenschnelle die Handhabe von Gas, Wasser und Strom erklärt wird und ich mit dem Verstehen keine Probleme habe… das schafft nicht jeder.

Noch während der Hausmeister den Sicherungskasten verschließt, überrollt mich die Erkenntnis meiner Überheblichkeit wie eine Zweimeterwelle kurz vor dem Abkippen. In Gedanken schimpfe ich mich einen Idioten (das allerdings ist die harmlose Variante..).

Wie viele Hausmeister und Handwerker ich mit meinen Fragen zum Verzweifeln gebracht habe, will ich gar nicht wissen. Ohne Schwierigkeiten fallen mir mehrere Episoden dazu ein – über eine Geschichte müssen meine Frau und ich noch heute lachen, obwohl der peinliche Vorgang schon fast dreißig Jahre her ist.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in der Bibel nichts von „Du sollst nicht überheblich sein!“ steht – zumindest nicht in diesem Wortlaut. Andererseits spricht Jesus davon, dass wir den anderen höher achten sollen als uns selbst. Und das, ich muss es zugeben, kommt dem „überheblich sein“ schon ziemlich nahe. Mindestens.

Die Zeit fängt gut an, und das meine ich wirklich so. Für mich hat das Christenleben nichts mit einem stupiden Abrufen einmal auswendig gelernter Verhaltensregeln zu tun. Viel mehr ist es ein lebendiger Prozess: reflektieren, dazulernen, fallen, aufstehen, Neues entdecken, sich von Altem verabschieden. Und erinnert werden. Wenn es sein muss, durch einen freundlichen Hausmeister.

Glattbügler

nicht glattbügeln

Heute Morgen lagen zwei Kugelschreiber in unserem Briefkasten. Ein roter und ein blauer. Außerdem noch ein dünner Notizblock, bedruckt mit dem Gesicht eines Politikers. Und bunte Flyer zum Parteiprogramm.

Alle paar Jahre gibt´s diese Aktion. Vielleicht wollen uns die Parteien eine Freude bereiten, indem sie uns mit neuen Kugelschreibern überschwemmen. Wobei, der rote hat den ersten Schreibtest nicht überstanden. Er liegt jetzt im gelben (Müll-)Sack.

Es ist wieder Zeit für Geschenke und Versprechungen. Häufig denke ich in diesen Tagen an Christoph Columbus, James Cook und Magellan. Nach deren Fahrten über unerforschte Ozeane standen sie den Ureinwohnern neu entdeckter Länder gegenüber. Um die zu besänftigen und für sich zu gewinnen, beschenkten sie das Volk mit Glasperlenketten und Schnaps.

Was den Schnaps betrifft… – den hat mir bislang noch keiner angeboten, dafür Ostereier und Schokolade. Und nicht zu vergessen: Kugelschreiber.

Während ich diese Zeilen in mein Notebook tippe, fährt ein weißer Smart auf den freien Parkplatz neben mir. (Ich schreibe auch, wenn ich unterwegs bin – so wie jetzt.)

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Reise durch die Zeit

rg„Asche zu Asche, Staub zu Staub!“ Der Pfarrer macht eine kurze Pause, greift nach einer kleinen Schaufel und häuft sich etwas Mutterboden auf die Metallfläche. Er trippelt an das offene Grab und lässt die Erdklumpen auf den Sarg fallen. Nach einer kurzen Pause dreht er sich wieder zu uns, sagt noch ein paar Worte, die ich aber nicht verstehen kann. Der Wind weht jetzt in eine andere Richtung.

Wie auf Befehl neigen die Trauergäste aus der ersten Reihe ihre Köpfe. Auch der Pfarrer schaut auf den Boden. Aus einem zuerst undeutlichen Gemurmel entwickeln sich verständliche Wortfetzen. Mit einer kleinen Verzögerung setzen alle anderen auch in das Gebet ein: „… der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe…“ 

Vermutlich macht es „unserem Vater im Himmel“ nichts aus, dass wir dieses Gebet nicht lippensynchron an ihn richten. Ich kann mich sowieso nicht konzentrieren, starre in Richtung Grab und überlege mir, wie viel Leben jedem von uns Anwesenden noch bleibt. Es ist eine nicht einsehbare Zeitlinie, eine Reise durch die Zeit, die unvermittelt endet und dann liegen auch wir in einer solchen – mehr oder weniger – feudal ausgestatteten Holzkiste.

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Drei Türme

Drei TürmeBesuche im Krankenhaus gehören nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Allein wenn ich an die Kranken denke, die sich am Haupteingang des Hospitals aufhalten… für mich ein regelrechter Spießrutenlauf. Schon an der Bushaltestelle sitzen sie, unschwer zu erkennen am fahrbaren Tropfgestänge in unmittelbarer Nähe zur Armbeuge, die Jogginghose, der Bademantel, Zigaretten.

Je näher der Haupteingang, desto größer die Menschenansammlung. Leere Blicke scannen einen beim Näherkommen, geben mir schweigend zu erkennen, wie gut ich´s habe, weil ich das Krankenhaus verlassen kann, wann ich es für richtig halte. Spätestens beim Betreten des Hospitals läuft mir dann ein kalter Schauer über den Rücken.

Manchmal geht die Fantasie mit mir durch – dann drehe ich mich noch einmal um und in meiner Vorstellung mutieren die gerade noch friedlich an ihren Zigaretten Hängenden zu seelenlosen Ungeheuern, die mich zu einem der Ihren machen wollen.

Die Realität ist nicht ganz so dramatisch – aber auch das Warten an den Fahrstühlen hat es in sich; oder die langen Flure, in denen der Gestank von altem Sagrotan zu Hause ist und sich wohl nie wieder entfernen lässt; die schweren Türen, hinter denen die Kranken ausharren und von gesunden Zeiten träumen. Ich kenne niemand, der nicht, kommt er einigermaßen zu Bewusstsein, das Personal mit der alles entscheidenden Frage bombardiert: „Wann darf ich wieder nach Hause!?!“ Und – ich kenne auch niemand, der dann tierisch genervt an der Bettdecke zerrt, weil keine vernünftige Antwort auf die existentielle Frage zu hören ist. Dieses stereotype „das wird Ihnen der Stationsarzt mitteilen“ soll ja eigentlich beruhigen, bewirkt aber genau das Gegenteil. Erstens ist der Stationsarzt meistens beschäftigt, zweitens hat der beim Verlassen des Krankenzimmers sein Versprechen, öfter nach einem zu schauen, schon längst wieder vergessen und drittens interessiert ihn meine Frage gar nicht. Wie auch – er bekommt sie hundertmal pro Tag zu hören. Mindestens.

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Alltags-Wissen

„Ich habe früher Musik gemacht. Alle mögliche Richtungen, aber hauptsächlich Rockmusik.“

„Welches Instrument hast du gespielt?“

„Schlagzeug und Bass. Mal das eine, mal das andere.“

„Welchen Rat würdest du Nachwuchsmusikern geben?“

„Üben, üben, üben. Weniger an den Erfolg und ans Berühmt werden denken. Das kommt von selbst, wenn du gut bist.“

Oskar

Oskar & KathiOskar ist sechs Monate alt. Seit Sonntag. Er lacht viel, schmiegt sich in meine Arme, schleudert dann wieder seine Holzkette mit den farbigen Klötzchen über den Tisch und wenn man nicht aufpasst, fliegt die Kette hinüber zum Tischnachbarn, der ein paar Meter entfernt seine Tageszeitung liest. Oskar ist stark. Und fröhlich. Er lacht viel und außerdem mag er Birnen. Die aus dem Gläschen.

Vor zwei Jahren haben uns seine Mama und ich zum ersten Mal getroffen. Im gleichen Café, saßen am selben Platz wie heute und sprachen über Vincent. Oskars Bruder. Vincent lebte nur ein paar Atemzüge lang. Dann ging er aus dieser Welt.

Kathi sprach über diese schreckliche Erfahrung. Es waren keine lauten Worte; echt und intensiv. Sie flüchtete sich nicht in Worthülsen, gebrauchte keine fromme Floskeln und sie hielt sich sämtliche Möglichkeiten offen, wie ihr weiteres Leben (auch das mit Gott) aussehen könnte. 

Passiert vor vor zwei Jahren.

Kathi lacht auch viel. Und sie schüttelt erstaunt den Kopf, weil ihr Oskar den kompletten Inhalt vom Gläschen niedermacht. Nach noch mehr verlangt, obwohl schon der letzte Rest herausgekratzt ist. Die Angestellten im Café lachen auch über Oskar. Sie versuchen, durch Handbewegungen seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie haben Pech, zumindest heute, denn Oskar hat nur Augen für seine Mama.

Wie es ihr heute geht, frage ich sie und drücke den Auslöser der Kamera.

Das Foto sagt alles; besser kann man diese Frage nicht beantworten.