Schlafzimmerblick

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Das ist  mein ganz persönlich-privater Schlafzimmerblick. Liegend, den Kopf leicht angehoben, minimal über dem Kissen schwebend. Was man glücklicherweise auf der Aufnahme nicht erkennen kann, ist mein Gesichtsausdruck. Ich bin genervt, frustriert und ziemlich verschlafen – und das liegt nicht am grellen Sonnenschein, der sich durch die Lamellenritzen seinen Zugang ins Schlafzimmer verschafft. Vielmehr, genau genommen eigentlich doch. Denn für jemand, der geplant hat, den SonnenAUFGANG am Meer zu fotografieren, ist es eindeutig zu hell. Entweder hat mich die Sonne gelinkt und ihr Wasserbett absichtlich zwei Stunden früher als vorgesehen verlassen oder es lag am Bett. An der Decke. Der Hitze. Den Batterien im Wecker.

Es hilft alles nichts, dieses Vorhaben kann ich heute vergessen. Ich taste nach der Kamera, spiele an Knöpfen, drehe an Rädchen und drücke den Auslöser. Der Bolide darf ausnahmsweise im Bett bleiben und ich mache das einzig Richtige…

Drei Stunden später checke ich die Aufnahmen. Nicht schlecht. So wie´s ausschaut, beherrsche ich den Boliden bereits im (Halb-)Schlaf.

Blaue Stunde in Grün

Fährtensucher

Fährt man die kurvige Landstraße von San Rafael del Rio in Richtung El Pas, kann man in der Ferne eine Hügelkette erkennen, die sich wie ausgetretene Treppenstufen in die Höhe schiebt. Die Berge haben keinen Namen, zumindest sind die auf meiner Karte nicht verewigt; mein Navi tut sich ebenfalls schwer und verweigert die Auskunft. Immerhin die Meterzahl ist an der höchsten Stelle angegeben: 372 Meter über dem Meer. Dahin will ich. Von dort aus das Meer sehen. Der Blauen Stunde Gesellschaft leisten; zuhören, wie der Tag der Nacht Bericht erstattet. Klingt abgefahren, ist aber tatsächlich so.

Meine derzeitigen Lieblingsverse aus der Bibel stehen in Psalm 19:

„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes… es fließt die Rede Tag für Tag. Nacht für Nacht tut sich die Botschaft kund. Es ist keine Rede und es sind keine Worte, deren Stimme unhörbar wäre.“

Das ist Poesie bis zum Anschlag. Tausende Jahre alt. Vielleicht saß der Schreiber dieser Zeilen auch auf einem Bergrücken, hörte während der Blauen Stunde Gemurmel aus den Tiefen des Himmels; Worte, die man nur dann… nur zu ganz bestimmten Zeiten hören kann, hören darf. Mir ist das einen Versuch Wert. Die Blaue Stunde. Das bisschen Zeit nach Sonnenuntergang, solange, bis die Dunkelheit nicht mehr mit sich reden lässt und das Kommando übernimmt. Das bisschen Zeit, in der das Meer die Farbe des Himmels aufsaugt und die beiden sich in einem diffusen Blau vereinigen. Aber noch ist es nicht soweit.

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hitzeschlacht

zwanzig kilometer stopp & go. genau genommen mehr stopp als go. dazu fast sechsunddreißig grad und ein defektes navi. uns bleibt nichts anderes übrig, als den kompletten stau abzugreifen. lauwarme pepsi light und ein fauliger apfel müssen als notration herhalten. aber irgendwann wird es kommen – das goldene “m” – erhaben und stolz auf dem schlanken eisenmast trohnend, wie eine fata morgana irr flirrend vom überhitzenden himmel strahlen. dann geht’s rechts raus. dann gibt’s kalte cola, und einen eiskaffee und den mozarella-wrap. und noch eine cola. und noch eine. freundliche servicekräfte werden uns in empfang nehmen. jeden wunsch von den augen ablesen. den weg zum blitzsauberen wc weisen. uns alles gute wünschen.  

fiebrige träume am rande des hitzewahns. 

 

 

Von Dauergrinsern und anderen Chaoten

Ich bin kein Archäologe. Allein schon die Vorstellung, mit einer Zahnbürste den Boden zu streicheln, damit uralte Knochen oder spröde Tonscherben nicht zerbröseln… nein, das ist nicht mein Ding (außer man bestätigt mir schriftlich, dass bei den Ausgrabungen die Bedienungsanleitung einer Videokamera zum Vorschein kommt; eine, die erst in einigen Jahren auf den Markt kommen soll).  Also: Kein Archäologe. Eigentlich. Trotzdem fliegen mir hin und wieder komplette Skelette und halbe Tonkrüge um die Ohren: Es sind die verschütteten, vergessenen, längst entsorgt geglaubten Drecksgeschichten, die als extrem gut erhaltene Artefakte aus meinem eigenen Sumpf hüpfen – und das ganz ohne Buddeln.

Logisch… ich bin nicht scharf darauf und würde liebend gerne darauf verzichten. Aber die Vergangenheit interessiert sich einen Dreck um meine Wünsche. Ich werde sogar den Verdacht nicht los, dass die Chaoten sich abgesprochen haben und insgeheim auf den besten Zeitpunkt warten, mich überfallartig zu erschrecken.

Worauf ich allerdings genausowenig scharf bin… sind ungefragt wortgewaltig vorgetragene Hilfsangebote: sich selbst in den Mittelpunkt stellend; ein affektiert überladenes Sendungsbewusstsein; die Lösung des Problems in Form einer Rechenaufgabe wie aus der ersten Grundschulklasse präsentierend; leuchtende Augen sowie ein nie versiegender Wasserfall an Imperativen (offensichtlich sind solche Typen mit einem neuartigen Mechanismus fürs Atem holen ausgestattet). Und: Jedes vierte Wort heißt „Jesus“. Der also, der beim rasanten Schnellsprecher alles ins Lot gebracht hat, sich permanent erfahren lässt, für strahlende Erwachsenenaugen sorgt, und dazu noch ein permanentes Dauergrinsen ins Gesicht meisselt. Continue reading

Männerfantasien

Meine sind fünfzig Meter lang, fast hundert Tonnen schwer und das Cockpit sieht aus wie das einer 747. Annähernd. Dazu noch Staub, Dreck und Motoren. Monstertrucks.

Es sind regelrechte Straßenkämpfer, die das alles in Echtzeit erledigen… Straßenkämpfer in ihren Blechmonstern unterwegs durch das australische Outback. Ihre Gegner: Hitze, Tornados, überflutete Straßen und wilde Tiere. Das komplette Programm also, zudem noch eines, das im Schnelldurchlauf erledigt werden muss, um nicht den vereinbarte Lohn zu minimieren. Schon erstaunlich, wie lässig sie in ihren durchgeschwitzten Holzfällerhemden ihre Aufträge abspulen. Vielleicht verpasst ihnen der riesige, rundum verchromte Bullenfänger diese ins Gesicht gemeißelte Zuversicht. Wie einen Riesenrammbock schieben die Männer das Teil vor sich her. Kommt´s zur Konfrontation mit den Vierbeinern, wird nicht gebremst. Es hoppelt, der Truck zittert leicht und schon ist die Strecke wieder frei. Die hinterm Steuer interessiert das nicht – genausowenig das Unwetter, das sich von hinten an sie heranschleicht. Aus dem Lautsprecher quasseln die vertraute Stimmen und verströmen Sicherheit. Ein ausgebleichtes Spiralkabel baumelt vom Dach der Fahrerkabine. Gleich wird ein anderer dort im weiten Nichts nach seinem Funkgerät greifen, die Taste drücken und für die nächste Stunde die Frequenz blockieren. Schließlich gibt es immer etwas zu erzählen – da fahren ja Männer quer durch Australien.

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blue (m-)ocean – trip

heiss

Die deutsch-französische Grenze ist immer noch hundert Kilometer entfernt. Dahinter hört die Fahrerei nicht auf; es geht weiter, immer weiter. Das (vorläufige) Ziel: Weit unten im Süden. Dabei haben wir jetzt schon vierunddreißig Grad…  und das um kurz nach drei Uhr am Nachmittag… eine heftige Belastung für Mensch und Maschine. Kein Wunder, dass am Straßenrand immer mehr liegengebliebene Fahrzeuge um die Wette blinken, Fahrer und Beifahrer die Hilfe vom Pannendienst herbeisehnen. In der Gegenrichtung brennt ein SUV. Ein Mann hält seine Frau im Arm und streichelt ihr über den Kopf. Die Jungs von der Feuerwehr stehen um das ausgebrannte Wrack, rollen Schläuche zusammen und warten auf den Abschleppdienst.

In meinem Kofferraum befindet sich ein großer orangefarbener Koffer. Verdrehe ich meinen Kopf, kann ich eine Ecke der farbigen Plastikkiste zwischen dem anderen Gepäck entdecken. Es ist mein erstes Mal – auf dieser Reise verzichte ich auf viel Equipment, fotografiere und filme stattdessen mit nur einer Kamera. Alles Absicht – denn hätte ich meine üblichen Gerätschaften an Bord, würde ich beim ersten Misserfolg auf das Altbewährte zurückgreifen. Genau das will ich aber nicht mehr. Vielmehr möchte ich Neues lernen. Anwenden. Auskundschaften, die ungezählten verstecken Funktionen entdecken, einstellen, ertasten, anwenden.

Ein hehres Ziel, denn mir ist schon (jetzt) bewusst, dass ich mich in (vermutlichen ziemlich vielen) Situationen wiederfinden werde, in denen ich mich einen Depp heißen und den Wunderboliden am liebsten gegen die Mauer donnern würde.

Trotzdem… Ziel anvisiert, auf den Weg gemacht, Seitenscheiben versenkt. Vierunddreißig Grad müssen schließlich ertragen werden.

Kartongrinser

Da hat man sich endlich hinter seiner Mauer hervorgetraut, das Automobil beladen, den frühen Morgen ausgenutzt, losgedüst… und keine Stunde später nur noch ätzendes Stopp & Go auf der A1. „Zäh fliessender Verkehr“, behauptet die Stimme von einsLive, „auf acht Kilometer.“

Gerade noch rechtzeitig – bevor das Frustpotential den roten Bereich erreicht und die nächste Ausfahrt als Alibi einer abgebrochenen Jungfernfahrt herhalten muss – entdecke ich den fröhlichen Mitfahrer im blauen Auto rechts von mir. Da hängt einer auf der Rücksitzbank und grinst richtig fett herüber. Gäbe es unter seinem Kartongesicht auch noch einen Rumpf… er würde winken. Garantiert. Zur Erinnerung mache ich noch schnell ein Foto vom Grinsgesicht und lächle zu ihm hinüber. Falscher Zeitpunkt, denn durch diese Aktion übersehe ich die Ausfahrt; also nix mit Umkehren und nach Hause fahren. Und so stoppe und goe ich mich Kilometer um Kilometer dem Ende der Baustelle entgegen. Ausfahrt verpasst… und das nur wegen zwei (un-)geschickt aufeinander gestapelten Kartons.

Auf den restlichen 350 Kilometern gibt´s dann allerdings keine Staus mehr. Und auch der Kartongrinser hat sich gleich nach der Baustelle von der Piste gemacht.

Strandgezeter

möwe

„Und… welche Vorsätze und Wünsche hast du so fürs Neue Jahr?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte die Möwe ihren Schnabel in den nassen Sand. Ihr Kopf schnellte nach oben, ein kleiner Wurm zappelte durch die Luft und landete in ihrem Rachen.

„Der dritte in nur einer Minute. Gute Stelle hier!“

Schon wieder raste der Schnabel nach unten. Eine Welle überschlug sich und überschwemmte ihr Gefieder.

„Dummes Wasser! Nummer vier wäre fällig gewesen, ich sitze hier auf einer Goldgrube.“

Sie schüttelte sich. Ihr Nebenmann sagte immer noch nichts.

„Ich habe mich dafür entschieden, mein Leben zu verändern. Und zwar total!“

Das „total!“ brüllte sie so laut über die schmale Landzunge, dass auch die anderen auf ihr Geschrei aufmerksam wurden. Hüpfend und kreischend näherten sie sich dem Störenfried.

„Habe ich euch aus eurem Tiefschlaf gerissen? Schreien und fressen, mehr geht nicht, oder? Was führt ihr für ein langweiliges Dasein!“

Die Möwe spannte ihre Flügel aus.

„Ich werde mich zu neuen Meeren aufmachen! Es gibt viel mehr als diese Landzunge! Vorsätze müssen gefasst UND umgesetzt werden. Versteht ihr? Das Leben wartet dort draußen auf uns. Wir müssen das Leben SPÜREN!“

Die anderen verdrehten ihre Köpfe.

„Wie?“ schrie einer.

„Lass ihn doch reden und halt den Schnabel!“ brüllte ein anderer.

Die Möwe war jetzt in ihrem Element:

„Die weiten Meere warten doch auf unser Kommen, Freunde, wir müssen aktiv werden, uns endlich aus unserem langweiligen Dasein befreien und die Veränderung suchen! Nur wer sich aufs Meer hinaus wagt, wird an seine Grenzen kommen und die dann überwinden!“

Ihr Schnabel jagte in den nassen Sand. Ein Wurm zappelte schon wieder seinem Ende entgegen.

„Das Glück ist nur denen hold, die es herausfordern.“

Schon wieder ein Wurm.

„Nummer sechs!!“

„Fünf.“

Zum ersten Mal meldete sich der schweigende Nachbar zu Wort.

„Von mir aus. Fünf oder sechs, darauf kommt es doch nicht an. Immerhin habe ich schon viel mehr gefangen als du.“

Sie breitete ihre Flügel aus und ließ sich vom Wind die nassen Federn trocknen.

„Du hast mir immer noch nicht meine Frage beantwortet. Welche Vorsätze hast du fürs Neue Jahr?“

Die alte Möwe legte ihren Kopf zur Seite, breitete die Flügel aus und ließ sich vom Wind nach oben transportieren.

„Fliegen!“, rief sie in Richtung der unter ihr immer kleiner werdenden Landzunge, “einfach fliegen!“

Sturm (weg-)beten

Foto

Sturm beten, weil die Geliebte mit fast zweistündiger Verspätung in den Himmel abhebt. Köln/Bonn 17.20 Uhr. Eigentlich. “Wegen Unwetter und Sturm kommen wir hier nicht weg” steht in der SMS und mir stehen ansatzlos die Bilder von den Titelseiten der “Welt”, “Bild” und der “Süddeutschen” vor Augen. Das sind die Tageszeitungen, die’s hier am Terminal zu kaufen gibt. Jetzt ist es kurz vor halb neun und noch immer ist nichts von ihr zu sehen. Die Ankunftszeit scrollt fünfminütig nach weiter hinten.

“Sturm haben” und “Sturm beten” sind zwei Paar Stiefel. Für den einen kann ich nichts, für den anderen schon. Wenn ich mir das so vorstelle, wie mein ängstliches Gebet für KEINE Lacher in der unsichtbaren Welt sorgt, dass kein überfordert angenervter Engel, der gerade dem Ende seiner Schicht entgegenwartet, wegen mir widerwillig ein paar Überstunden schieben muss… – sondern dass mein Stammeln ernst genommen wird, dann beruhigt mich das extrem.

Und weil’s sich’s hier um keinen Tod bringenden, zerstörerischen Orkan handelt, sondern um einen, der Hilfe und Heilung bringen soll, stürmt’s jetzt weiter – aus meinem Herz in Richtung unsichtbarer Welt.

Nachtrag 1: Die erwartete Ankunftszeit blinkt jetzt bei 21:39 Uhr. Das ist eine extra Stunde durch den iberischen Luftraum. Hüben wie drüben.

Nachtrag 2: 21:50 Uhr – kleines, panisches Herz hat Ruh’. Sie hat wieder festen Boden unter den Füßen. Gott sei Dank!

Die Nutte, die Blumen & das Mädchen

Blumen

Ich schätze sie auf Mitte Vierzig. Sie sitzt auf einem weißen Plastikstuhl und wippt mit ihrem rechten Bein. Dabei versucht sie unentwegt, Blickkontakt mit den Vorbeifahrenden herzustellen. Bleibt einer zu lange in ihren Augen hängen, hält sie ihr schwarzes Haar in den Wind und legt die Hand aufs Knie. Trotzdem bremst keiner ab. Bei fast dreißig Grad im Schatten hat wohl niemand große Lust auf eine schnelle Befriedigung. Keine guten Arbeitsbedingungen für jemand, der sich so seinen Lebensunterhalt verdient.

Nur ein paar Meter weiter stecken bunte Blumen in der Leitplanke. Ich sehe sie nicht zum ersten Mal. Und doch öffnet sich gerade jetzt die Tür zurück in die Vergangenheit. Eine Geschichte, schon vor Jahren passiert, steht unerwartet vor mir und versetzt mich hinein in eine längst vergangene Zeit. Es ist gerade so, als ob du dir ein altes Buch aus dem Regal ziehst, ein paar Seiten darin blätterst und dir dann unvermittelt ein zerknittertes Foto in die Hände fällt. Du hast es seinerzeit als Lesezeichen benutzt. Du starrst auf die Gesichter und die Zeitmaschine zerrt dich durch die Jahre.

Ich bremse ab und fahre an den Straßenrand. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel – die Frau bleibt sitzen.

Abenteuerurlaub. Jugendgruppe. Mit der Fähre ging´s von Italien hinüber nach Griechenland. Dann weiter mit dem Reisebus. Die Fahrt führte durch das Pindus – Gebirge. Ziel: die Meteora – Klöster. Das hieß: Eine Kurve nach der anderen. Stundenlang. Abbremsen, Gegenverkehr ausweichen, Gas geben. Mir war kotzschlecht. Gerade noch rechtzeitig gab ich dem Fahrer das Zeichen zum Anhalten, fiel aus dem Bus, beugte mich über die Leitplanke und würgte. Ein paar Meter weiter steckten bunte Blumen in der Leitplanke. An ihnen hing ein Foto in schwarz/weiß.

Kurze Zeit später ging´s wieder. Mein Magen hatte sich beruhigt und der Busfahrer gab sich Mühe. Erst jetzt registrierte ich die vielen frischen Blumen entlang der Straße. Alle paar Kilometer ein Strauß – meistens weiße Nelken.

Abends, endlich am Campingplatz angekommen, trafen wir uns, um das Programm für den nächsten Tag durchzusprechen. Die Jugendlichen baten mich noch um eine kurze Abendandacht und ich wählte die vielen Blumen als Beispiel dafür, wie schnell das Leben sich verändern oder auch vorbei sein kann. Unfall, Verletzung, Tod. So schnell, dass manchmal gar keine Zeit mehr bleibt, um sich von seiner Familie und seinen Freunden zu verabschieden. „Das Leben bewusst gestalten und leben…, und auch die Zeit danach nicht vergessen… – Herausforderungen, die wir nicht verdrängen dürfen.“ 

„Wie meinst du das?“ Sie war höchstens achtzehn und saß auf ihrer Luftmatratze.

Ich griff nach meiner Bibel und las ein paar Zeilen einer Geschichte vor. Darin konfrontiert eine junge Frau Jesus mit einem Todesfall aus ihrer Familie. „Wer an mich glaubt“, gibt ihr Jesus seinerzeit zur Antwort, „wird leben – auch dann, wenn er gestorben ist. Glaubst du das?“ Anstatt eines schlichten „ja“ oder eines bloßen Kopfnickens formuliert diese Frau ein Bekenntnis, das zeigt, wie sehr sie sich mit dieser Frage schon seit längerem auseinandergesetzt hat: „Ich glaube, dass du der Erlöser, dass du der Sohn Gottes bist.“

Später, als die anderen schon in ihren Schlafsäcken lagen, kam sie zu mir. Verheulte Augen. Sagte, dass es mit ihrem Glauben an Jesus nicht weit her sei. Dass sie wolle, aber nicht wisse, wie. Und dass sie das auch so sagen möchte wie diese Frau aus der Geschichte von vorhin.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie lange wir in jener Nacht über den Glauben, Jesus und das Leben gesprochen haben. Ihr Bekenntnis zu Jesus habe ich aber nicht vergessen. Sie hatte sich genau überlegt, was für ihr Leben wichtig sein soll. Jesus gehörte dazu.

Die Lady sitzt noch immer auf ihrem weißen Stuhl. Sie schaut in eine andere Richtung. Ich steige aus dem Auto und knie nieder. Die Blumen sind aus Plastik und kleben schon seit längerem an diesem Ort. Ein Foto ist nicht dabei.

Wer immer hier auch sein Leben beenden musste… ich hoffe sehr, dass es für ihn auf der anderen Seite in einer neuen Zeitrechnung weiter geht.