fünfzig meter freier himmel

eigentlich handelt es sich um zwei tunnels, nicht um eines. nach etwa fünfhundert metern macht die dunkelheit eine pause: 50 meter freier himmel. zu fuß dauert das zwei minuten, mit dem auto ein paar sekunden, bevor die dunkelheit wieder das sagen hat. nächstes tunnel. gleiche länge.
am 24. juli 2010 versuchten tausende junger menschen, diese 50 meter freien himmel zu erreichen. sie wollten eigentlich nur feiern. die loveparade genießen. doch dann steckten sie in einem dieser tunnel fest. als die panik ausbrach, starben in dem gedränge einundzwanzig menschen, über fünfhundert wurden zum teil schwer verletzt.

vergangene woche stand ich zwischen den beiden tunnels. über mir der gleiche himmel wie seinerzeit – und vor mir das improvisierte mahnmal an dieses schreckliche unglück. noch immer hängen kreuze an der wand, die namen der verunglückten verblassen auf einer großen tafel, frische blumen liegen auf den treppenstufen, die zum gelände der loveparade führten und kleine gedenksteine verteilen sich über die pflastersteine.
ich befand mich nicht allein am unglücksort; der damalige einsatzleiter der feuerwehr duisburg schilderte mir die katastrophe aus seiner sicht. wir trafen uns für eine filmreportage – dazu ein interview über seinen persönlichen umgang mit dem leid, der erinnerung an diesen schrecklichen tag und seiner hilflosigkeit angesichts einer solchen katastrophe.

natürlich stellt man sich hier unwillkürlich die frage nach dem „warum?“. viele trauernden haben genau diese fünf buchstaben auf eine postkarte oder auf einen der gedenksteine geschrieben. und es ist exakt die frage, vor der man selbst angst hat … wenn plötzlich etwas passiert, womit man nie gerechnet hat. krankheit, arbeitslosigkeit, unglück, unfall. und dann kommt unweigerlich diese frage, auf die kein mensch eine befriedigende antwort weiß: „warum?!?“

mich nerven diese typen, die meinen, auf jeden (fragen-)topf den passenden (antwort-)deckel zu haben. seien es fragen zur politik, zum nahen osten, kriegszustand hier und terroranschlag dort … egal was geschieht … SIE wissen bescheid. und bringen diese alleswisser das entstandene unglück auch noch mit dem willen gottes in verbindung, dann … ich sag’ da jetzt besser nichts dazu.
mensch, das ist falsch. und es gehört sich nicht! übrigens: gleiches gilt auch für nachrichtensprecherinnen. ehemalige.

in ein paar wochen ist ostern. christen erinnern sich an den tod und die auferstehung von jesus. unmittelbar vor seinem tod, am kreuz, stellte jesus eine warum-frage – und bekam darauf keine antwort; sie lautete: „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

  • warum, Gott, muss ich sterben?
  • warum, Gott, hilfst du mir nicht?
  • warum lässt du mich das erleiden?
  • warum kommst du nicht und hilfst endlich?
  • warum habe ich bisher alles getan, was du von mir gewollt hast?
  • warum bist du so weit weg von mir?

jesus musste mit seiner unbeantworteten frage dem tod ins gesicht schauen. er sah ihn kommen und war ihm ausgeliefert. er starb mit dieser nicht beantworteten frage. heute kann man, aus der sicheren distanz zurückgelegter jahrtausende, dazu eine schnelle antwort geben. zu schnell. ob´s hilft?

mein freund starb an krebs. noch keine vierzig jahre alt. kurz vor seinem tod bekannte er, dass er Gott mit seinen fragen bestürmte. „ich bin so wie ein kleines kind“, sagte er leise. „ich prügle mit meinen fragen auf Gott ein. schreie ihn an. und Gott lässt das zu. irgendwann habe ich keine kraft mehr, meine fragen zu stellen und heule nur noch. und dann umarmt mich Gott und hält mich fest.”

es gibt leid, da zerreisst es dir das herz. und du schreist deine fragen hinaus und es kommt keine antwort, die dir hilft, dem ganzen einen sinn zu geben.
in der bibel gibt es eine aussage, die in bewegenden worten genau den moment beschreibt, an dem unser kompletter fragenkatalog im bruchteil von sekunden beantwortet werden wird. diese worte lauten: “Gott wird alle tränen abwischen von ihren augen, und der tod wird nicht mehr sein, auch kein leid, keine schreie und auch kein schmerz.“

vielleicht hat Gott auch die tränen von jesus abgewischt, als er, nachdem der tod gesiegt hatte, wieder bei ihm im himmel war, dort, wo leid und schmerz zutrittsverbot haben. und dann schickte Gott seinen sohn wieder zurück auf die erde, zurück zu denen, die in ihrer trauer jeden lebensmut verloren hatten. ihnen zeigte er sich, sie tröstete er mit dem gleichen zuspruch, der bis heute seine gültigkeit nicht verloren hat: „ich bin die auferstehung und das leben. wer an mich glaubt, wird leben, auch dann, wenn er gestorben ist.“

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