Mit einer Taschenlampe gegen den Sonnenaufgang

Es ist ein Tag wie jeder andere. Ich fahre auf meiner Harley durch die Stadt. Vor mir ein Zebrastreifen. Von rechts sehe ich einen Jungen auf einem Fahrrad heranfahren. Ich nehme den Gasgriff zurück und lasse das Motorrad ausrollen. Der Kleine sieht witzig aus; er hockt auf einem viel zu großen Fahrrad, und seine Beine schaffen es kaum, den Gehweg zu berühren. Er starrt zu mir herüber. Ich setze beide Füße auf den Asphalt. Im Gegensatz zu ihm muss ich nicht auf Zehenspitzen balancieren, um das Motorrad zu halten. Der V-Twin-Motor blubbert im Stand vor sich hin, als würde er sagen: Fahr rüber, kleiner Mann. Ich hab Zeit.

22. Juli 2025

Jetzt fährt er los. Langsam. Als er an mir vorüberfährt, hebt er die linke Hand. Zwei Finger streckt er nach unten. Es ist der Gruß unter Bikern. Unter Bikern!
Der Bursche gehört nicht zu dieser Gruppe. Noch lange nicht. Wenn alles gut läuft, macht er in zehn Jahren seinen Führerschein. Frühestens. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Biker nur Biker grüßen. Keine Mofafahrer. Keine Leute auf Motorrollern. Und schon gar keine Fahrradfahrer.
Aber ich hebe die Hand.
Und ich grüße zurück. Motorradfahrergruß. Zwei Finger nach unten.

Er reißt die Augen auf, schaut zurück, strahlt. Damit hat er nicht gerechnet. Es ist, als hätte ihm jemand kurz die Tür zu einer neuen Welt geöffnet. Nur einen Spalt breit. So ein winziger Spalt, dass man die Luft anhält – aus Angst, er könnte gleich wieder zufallen.
Mehr noch: Es war ein Zeichen, das ihm versprach: Du darfst dazugehören.

So beginnt manchmal etwas, das größer ist als der Moment.
Größer als wir.
Größer als das, was wir uns zutrauen.
Größer als alles, was wir uns zu träumen wagen.

Wie bei Gott.

Schon klar … der Herr der Heerscharen kommt auf keiner Harley-Davidson Fat Bob daher und hebt die Hand zum Gruße (wobei – der Gedanke hat schon was). Doch die Tiefe in dieser Geschichte ist ja die Überraschung der Reaktion.

Reagiert Gott auf unser Zeichen? Redet er mit uns? Hat er nicht viel zu viel zu tun in einer Welt, die in Problemen ertrinkt? Krieg, Hass, Flucht, Ozeanerwärmung, Flüchtlingskrisen. Um nur ein paar zu nennen.
Und dieser schwerbeschäftigte Gott soll auf unser kleines Hilfehändchen reagieren?
Mach, dass das Wetter bei der Familienfeier hält.
Dass unser Kind keine Fünf in Mathe schreibt.
Dass das Gespräch mit dem Ex nicht wieder entgleist.
Ein freier Parkplatz. Ein Zahnarzttermin, der nicht weh tut.
Ein bisschen weniger Einsamkeit.

Können wir so tun, als ob das überhaupt im weiten Himmelsrund irgendjemanden interessiert?
Dann doch lieber schweigen.
Weil wir glauben, es lohnt sich eh nicht.
Weil es zu klein ist.
Weil wir uns manchmal vorkommen wie jemand, der mit einer Taschenlampe gegen den Sonnenaufgang ankämpft.
Weil es uns peinlich ist, den Heiligen mit solchen Belanglosigkeiten überhaupt zu stören.

Ein kleiner Blick ins Neue Testament zeigt, dass sich Jesus nie zu schade war, den „Motorradfahrergruß“ zu zeigen. Sprich: Er reagierte auf die kleinen und großen Alltagssorgen, obwohl er auf einer Mission unterwegs war, die so groß war, dass es kein Mensch – damals wie heute – wirklich verstand.
Tod am Kreuz, Auferstehung, Sieg über den Teufel und das Böse, Ewigkeit für die, die an ihn glauben.
Trotz allem ließ er sich von einem Verbrecher zum Essen einladen, heilte eine alte Frau, holte einen jungen Mann aus dem Tod zurück, diskutierte mit Irrlehrern, lachte mit seinen Jüngern, nahm Kinder in den Arm.
Jesus war definitiv jemand, der sich nicht zu schade war, in den Alltag der Menschen zu kommen.
Und: Jesus IST definitiv noch immer derselbe.
Im Angesicht einer zugrunde gehenden Welt interessiert er sich für unseren Alltag.
Besser noch: Er interessiert sich für uns.

Deshalb ist es in Ordnung, wenn wir die Hand heben und auf uns aufmerksam machen.
Zwei Finger. Zögerlich.
Fast heimlich.

Und Gott?
Er hebt seine Hand und zeigt: Ich sehe dich.

Weil es reicht, dass wir uns trauen.

„Darum lasst uns freimütig hinzutreten zum Thron der Gnade,
damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden
zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“
(Hebräer 4,16)
Was für ein Statement, oder? Freimütig steht da.
Es ist die freie Fahrt für uns kleine Fahrradfahrer, die Hand zu heben.
Wir, die null Ahnung haben, was die Welt zusammenhält.
Und wir sowieso keinen Kopf dafür haben, weil unsere kleine Welt am Zerbrechen ist.
Gott stellt uns einen Passierschein aus – direkt vor seinen Thron. Schrankenlos.
Freimütig.
Was für ein altes Wort.

Gott erwartet von uns keinen perfekten Auftritt; er verlangt keine Heldengeschichte, um vor ihm im Thronsaal erscheinen zu dürfen.
Vielmehr wartet er auf dich.
Er wartet auf das Mutigste, was du in diesem Moment zu geben hast: deine Unsicherheit.
Dein kleines Hoffen.
Deine kaputten Gebete.
Auf deinen kleinen Gruß.
Dein Zucken, dein „Vielleicht?“, dein „Bist du da?“

Und er hebt die Hand.
Weil er da ist.
Jetzt.


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