zu verschenken

Vor dem Möbelgeschäft stand ein Sofa, das seine besten Jahre noch vor der Mondlandung gehabt haben musste. Die Polster hingen durch wie alte Wangen. Das Kunstleder – dort, wo es nicht längst aufgerissen war – glänzte stumpf wie nasse Pappe. Eine Fliege drehte gemächlich ihre Kreise darüber, als gäbe es hier nichts, was sich zu beeilen lohnt. Auf der Lehne klebte ein Zettel, groß wie eine Einladung: Zu verschenken.

19. August 2025

Daneben saß eine Frau, alt wie das Sofa, die Knie eng aneinandergepresst, die Füße leicht seitlich versetzt – ein Sitz, der mehr Anstand als Bequemlichkeit ausstrahlte. Auf ihrem Schoß eine braune Handtasche, mit beiden Händen umfasst, als hielte sie etwas darin, das man nicht verlieren darf. Vielleicht lag darin nur ein Portemonnaie, vielleicht auch der letzte Rest Selbstachtung.
Es war heiß, und das Sofa stand im Schatten. Die Bushaltestelle, an der sie wartete, lag in der prallen Hitze. Wer wollte es ihr verdenken, sich hier niederzulassen – Aufschrift hin oder her.

Zu verschenken.
Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht das Sofa, sondern die Dame. Nicht mehr gebraucht, nicht mehr gewollt – so könnte es aussehen, wenn das Leben einen ausmustert. Als würde die Sperrmüllabfuhr gleich beides mitnehmen. 

Natürlich war es Zufall, dass Sofa und Frau so beieinanderstanden. Ich hatte nur das iPhone dabei. Und ja, ich hätte sie fragen müssen, bevor ich ein Foto mache. Aber wer sagt schon Ja, wenn die eigene Person mit einem weggeworfenen Möbelstück verglichen wird?

Menschen wie Sofas. Ausgebleicht, abgewetzt, mit den Spuren von Jahren, die keiner mehr zählen will. Kann man Menschen, die einem lästig werden oder einem den Traum vom Leben vermiesen, einfach verschenken? Aussetzen? Hauptsache, sie stören die eigenen Kreise nicht mehr.
Man packt sie in ein Zimmer im Altersheim, nennt es „gut versorgt“. Drei Mahlzeiten am Tag, Tabletten nach Plan, zweimal die Woche jemand, der sie duscht. Man spricht von betreutem Wohnen, als wäre das ein Geschenk. Einer füttert. Einer wickelt. Die Hände, die einmal Kinder getragen haben, bekommen jetzt Plastikbecher mit dickflüssiger Suppe angereicht. Der Blick wandert von der Tür zum Fernseher und wieder zurück. Warten. Auf Besuch. Auf die Nacht. Auf gar nichts.

Und irgendwo dazwischen könnte auch stehen: zu verschenken.

In der Bibel gibt es eine Frau, die brauchte kein Zu-verschenken-Schild um den Hals. Sie hatte längst aufgehört, um Platz in anderen Leben zu kämpfen. Zwölf Jahre lang Blutungen – für ihre Zeit bedeutete das: unrein, ausgeschlossen, nicht berührbar. Ihre Nachbarn hatten gelernt, sie nicht mehr zu sehen. Und sie selbst hatte sich in eine innere Abschiebehaft zurückgezogen. Wahrscheinlich hatte sie längst aufgehört, sich vorzustellen, dass etwas noch einmal anders werden könnte.

Doch dann hört sie, dass Jesus in die Stadt kommt. Und irgendetwas in ihr weigert sich, den Platz am Rand zu behalten. Vielleicht war es nur ein letzter Funke. Sie drängt sich durch die Menge, tastet sich zwischen Schultern und Rücken hindurch. Kein höfliches Warten, kein Zögern. Sie will ihn erreichen – nicht mit Worten, nicht mit Bitten. Nur der Saum seines Gewands, der über den staubigen Boden schleift. Ein kurzer Griff, kaum mehr als ein Streifen. Und sie weiß: Etwas ist anders. Die Krankheit hat sie verlassen, bevor Jesus überhaupt nach ihrem Namen fragt.

Ich denke an die Frau mit der Handtasche auf dem Sofa. Würde sie aufstehen, wenn Jesus in die Stadt käme? Oder säße sie da, wie immer, und würde warten, dass irgendjemand anderes zuerst geht? Vielleicht würde sie sagen: „So etwas passiert nicht mehr.“ Vielleicht würde sie lächeln, müde und abgeklärt, weil das Leben ihr beigebracht hat, nichts zu erwarten.

Aber wo findest du heute Jesus?
Manchmal nicht in der Kirchenbank und auch nicht auf einer Bühne mit Mikrofon.
Sondern genau dort, wo du bist:
In deiner Küche, wenn der Kaffee kalt geworden ist.
Im nächtlichen Krankenhausflur, zwischen dem Summen der Geräte und dem Gejammer der Patienten.
Auf einer Parkbank, wenn der Wind wie ein ungebetener Gesprächspartner neben dir sitzt.
Jesus ist nicht weit weg. Er geht nicht achtlos an dir vorbei. Und der Saum seines Gewands streift immer noch durch den Staub dieser Welt. Deiner Welt.

Was hindert dich daran, deine eigene Bankrotterklärung zu unterschreiben? Es weiß doch eh schon jeder. Warum dann nicht Jesus diesen Aufschrei ins Gesicht brüllen: „Ich bin wertlos, mein Leben auch.“
Deine Bankrotterklärung mitten im Alltag.
Das Loslassen von dem Versuch, dich selbst zu retten.

Und dann beginnt etwas, das sich nicht planen lässt: Er bleibt stehen. Er dreht sich zu dir um. Nicht, weil du laut warst, sondern weil er dich gehört hat. Er kennt deinen Namen. Er sieht nicht das Schild, das andere dir umgehängt haben, sondern den Menschen, der du bist.

Eins ist klar:
Auf das alte Sofa musst du dich nicht setzen.
Und wenn schon verschenken – dann schenk dich Jesus. Nicht halb, nicht vorsichtig. Sondern ganz. Durch und durch.
Damit er dich nicht am Straßenrand stehen lässt, sondern mitnimmt. Heim. Denn genau deshalb ist er gekommen – um zu suchen und zu retten, was verloren ist.


superfromm als Newsletter

Wer keine Folge superfromm verpassen will: Jetzt Newsletter abonnieren. Hier gibt’s Infos zur aktuellen Sendung und eine Vorshow auf die Sendung in der kommenden Woche. 



UnterstützerIn werden!

Zur Herstellungvon superfromm sind hunderte Produktionsstunden notwendig; mehrere Tausend Euro benötigen wir jeden Monat, um die Arbeit fortzusetzen.
Wenn dir gefällt, was wir produzieren und publizieren, dann unterstütz’ uns bitte mit einer Spende.