Demas. Wenn der Preis der Nachfolge zu hoch wird.
Irgendwann muss Paulus bemerkt haben, dass ein Platz leer geblieben ist. Beim Essen, bei einer Besprechung mit seinem Team. Demas war nicht mehr da.
Wir wissen nicht, ob er sich verabschiedet hat. Wir wissen nicht, ob es einen Streit gab. Wir wissen nicht einmal, ob Paulus überrascht war. Wir wissen nur, dass irgendwann einer fehlte, der lange dazugehört hatte. Einer, dessen Name mehrfach in den Briefen auftaucht. Nicht als Randfigur, nicht als Besucher, sondern als Mitarbeiter. Als einer von denen, die mitgingen.
Die staubigen Straßen, die langen Reisen, die Entbehrungen, die Unsicherheit – all das hatte Demas mitgetragen. Er hatte gesehen, wie Menschen zum Glauben kamen, wie Gemeinden entstanden, wie Paulus predigte, stritt, betete und weiterging, auch wenn es eng wurde. Und jetzt war sein Platz leer.
Als Paulus später an Timotheus schreibt, macht er keine große Sache daraus. Er hält keine Abrechnung. Er liefert keine lange Analyse. Er schreibt nur diesen einen Satz:
„Demas hat mich verlassen, weil er diese Welt liebgewonnen hat.“*
Das ist alles.
Dabei wartet man als Leser fast auf eine Erklärung. Hat er seinen Glauben verloren? Hat er Christus verleugnet? Hat er eine andere Religion angenommen? Nichts davon steht dort. Nur diese merkwürdige Formulierung: Er hat die Welt liebgewonnen.
Darin liegt die Kraft dieses Satzes. Denn die meisten Menschen verlassen ihren Glauben nicht von heute auf morgen. Sie stehen nicht morgens auf und beschließen, Gott den Rücken zu kehren. Es geschieht oft viel leiser, fast unhörbar. Wie ein Boot, das sich langsam vom Ufer löst und mit der Strömung davongetragen wird.
Ein Blick in die damalige Zeit schärft den Blick. Paulus sitzt im Gefängnis. Nero verfolgt Christen. Die Lage wird gefährlicher. Wer sich zu Paulus hält, riskiert viel. Demas konnte müde geworden sein. Er konnte genug gehabt haben von Unsicherheit und Widerstand. Die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben lag nahe. Nach einem Leben ohne Gefahr. Nach einem Leben, das man kontrollieren kann. Sicher wissen wir es nicht.
Aber wir kennen diese Sehnsucht.
Denn die Welt spricht heute noch dieselbe Sprache. Nur die Kulissen haben sich verändert. Sie verspricht Sicherheit, Selbstverwirklichung, Anerkennung und Bequemlichkeit. Sie sagt: Mach dein eigenes Ding. Vertraue dir selbst. Sorge dafür, dass es dir gut geht. Nimm den Weg, der weniger kostet.
Und genau deshalb ist die Welt so verführerisch. Nicht weil sie immer böse aussieht, sondern weil sie oft vernünftig erscheint. Weil sie das verspricht, wonach wir uns ohnehin sehnen: Ruhe, Sicherheit, Ansehen, ein Leben ohne allzu viele Reibungsverluste.
Die Geschichte des leisen Abschieds von Demas beginnt deshalb nicht erst in Thessalonich, sondern schon lange vorher. Mit einem ersten Gedanken, der nicht mehr weggeschoben wird. Mit einer kleinen inneren Erlaubnis, mit der Verführung weiterzuspielen. Mit der Vorstellung, dass ein anderer Weg doch leichter wäre. Es ist wie eine Tür, die einen Spalt offen bleibt. Und irgendwann zieht es hindurch.
Dann bleibt ein Platz leer.
Das Erschreckende an dieser Geschichte ist, dass wir uns viel leichter in Demas wiederfinden als in Paulus.
Der sitzt im Gefängnis und schreibt:
„Ich habe den guten Kampf gekämpft. Ich habe den Lauf vollendet. Ich habe Glauben gehalten.“
Demas dagegen ist gegangen.
Der eine bleibt. Der andere biegt ab. Und irgendwo dazwischen stehen wir, vor denselben Fragen, denselben Versuchungen, denselben Abzweigungen.
Im selben Brief fallen immer wieder dieselben Worte: Bleibe. Halte fest. Ertrage. Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.
Paulus schreibt sie an Timotheus. Doch beim Lesen drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob er dabei auch an Demas gedacht hat.
An einen Mann, der lange mitgegangen war.
An einen Mann, dessen Platz nun leer blieb.
Ein Abschied beginnt nicht erst mit dem Weggehen. Er beginnt viel früher. In dem Moment, in dem ein anderer Weg nicht mehr nur eine Möglichkeit ist, sondern zu einer Sehnsucht wird.
Manchmal frage ich mich, wie lange der Platz von Demas leer geblieben ist. Ob ihn irgendwann jemand anderes eingenommen hat. Oder ob Paulus jedes Mal kurz hinsah, wenn die anderen zusammenkamen.
Weil dort einer fehlte, der einmal dazugehört hatte.
*Neues Testament, zweiter Brief des Paulus an Timotheus, Kapitel 4 Vers 10




