Die Sprechende
Ich bremse ab und verparke den letzten freien Parkplatz. Der Körper verlangt nach einer Pause, und das kleine Café am Straßenrand hat geöffnet. Drinnen riecht es nach starkem Kaffee und warmem Gebäck. Ich setze mich mit meinem Buch an einen Platz am Fenster.
Am Tisch gegenüber sitzen Frauen. Türkinnen. Eine mit feinen Falten um den Mund, eine vielleicht Anfang zwanzig, die anderen irgendwo dazwischen. Alle schweigen, bis auf eine.
Sie erzählt. Nicht laut, eher so, als taste sie sich behutsam vor. Dann wieder schneller, als hätte sie vergessen, vorsichtig zu sein.
Erst höre ich nur den Rhythmus ihrer Stimme. Dann einzelne Wörter:
Jesus
Gott
und Glauben.
Die anderen hören zu, ohne sie zu unterbrechen.
Ich bemerke, wie ich sie ansehe. Zu lange. Sie hat es gespürt. Ihr Blick trifft meinen, sie zuckt leicht zusammen. Vielleicht fühlt sie sich beobachtet. Ich starre viel zu schnell zurück ins Buch und tue so, als würde ich lesen.
Jetzt höre ich sie wieder. Sie erzählt von ihrem Leben. Ich verstehe nicht alles, aber genug, um zu begreifen. Es geht um ihren Weg. Darum, warum sie an Jesus glaubt und nicht an Allah.
Dass sie ein Kopftuch trägt, legt eine seltsame Ruhe über die Situation. Es ist fast so, als würde es eine Brücke bilden. Keine der Frauen scheint empört. Alle bleiben sitzen und hören zu.
Nach einer Viertelstunde schieben sie die Stühle zurück, bezahlen, gehen zur Tür. Ich sehe ihr nach, ohne es zu wollen. Kurz bevor sie hinausgeht, dreht sie sich zu mir.
Ich lächle.
Sie reagiert nicht.
Und dann ist sie weg.
Ich bleibe sitzen und denke daran, wie leicht es ist, zu schweigen.
Und wie schwer, nicht zu schweigen.
Heute Morgen las ich im Römerbrief (Neues Testament) einen kurzen Abschnitt. Paulus schreibt, dass niemand Anklage erheben kann gegen die, die zu Gott gehören. Die Ewigkeit, so Paulus, ist sicher.
Das ist eine steile Aussage. Ein Satz, der groß klingt — bis man ihn in einen Raum wie diesen stellt.
Hier im Café.
Denn dieser Raum zieht alles mit hinein, was nicht in diesem kurzen Abschnitt steht:
Die Blicke der anderen.
Das Wissen darum, was zu Hause gesagt werden könnte.
Die Anschuldigungen, die vielleicht später kommen.
Schläge vom Partner, weil man die Familie verraten hat.
Für die Türkin bedeuten diese Sätze vor ihren Zuhörerinnen viel mehr als für mich. Sie muss mehr riskieren. Sie hat mehr zu verlieren.
Und doch sind die Auswirkungen auch bei uns da.
Das Bekennen zu Jesus bleibt herausfordernd.
Ich denke an meine Anfrage an eine Stadt. Ich wollte dort eine Ausstellung durchführen. FACES. „Nein, wollen wir nicht. Keine Missionierung“, sagten sie mir. Ich solle in eine Kirche gehen. Hier würden nur Ausstellungen genehmigt, die nicht über den Glauben an Gott und Jesus sprechen.
Es braucht kein Kopftuch, keine religiöse Herkunft, kein anderes Land, um zu wissen, wie sich Ablehnung anfühlt:
Ein Arbeitsplatz reicht, an dem man lieber nichts sagt, weil sonst die Entlassungspapiere überreicht werden.
Ein Freundeskreis, in dem der Glaube als gefährlich gilt, weil er vertraute Denkmuster infrage stellt.
Eine Familie, die peinlich berührt die Sektenschublade öffnet, um ihren Ältesten zu entsorgen.
Nicht ganz so existenziell vielleicht. Nicht so bedrohlich.
Und doch spürbar.
Zurück zu Paulus: Er schreibt von der göttlichen Liebe, von der uns nichts und niemand trennen kann: keine Not, nicht Angst, nicht der Druck von außen. Gott steht zu seinem Wort.
Dass diese göttliche Gemeinschaft zum Teil existentielle Nöte und Gefahren mit sich bringen kann, verschweig er nicht.
Genau so ist die Bibel — nicht geschrieben für ideale Umstände, in denen alles fluppt. Sondern für eine Wirklichkeit, in der der Glaube immer wieder an Grenzen stößt. Wo wir in der Gefahr stehen, dass unser Mut zum Bekenntnis davonfliegt und wir das Schweigen perfektionieren. Bloß, um niemand nahe zu treten; nicht aufzufallen; keine Schwierigkeiten zu bekommen.
Die Bibel verschweigt nicht, was es kosten kann, Christus nachzufolgen. Deshalb spannt sie immer wieder den Blick in die Ewigkeit. Der Ort, an dem das Leben für diejenigen weitergeht, die an Gott glauben.
Ist das ein Vertrösten. Natürlich nicht. Die Ewigkeit ist Ziel und Ausrichtung.
Genau deshalb ist Jesus gekommen. Er hat Gottes Liebe verkündigt; ist für uns gestorben, damit die Ewigkeit beim Schöpfergott nicht in Frage steht. Für den, der glaubt.
Es ist Zeit zum Weiterfahren. Ich stehe auf, halte mein Smartphone an das Kartenterminal und bezahle. Ich verlasse das Café durch dieselbe Tür, durch die vor ein paar Minuten die Türkin gegangen ist. Wenn ich nach Hause komme, muss ich keine Angst haben, dass mich jemand auf meinen Glauben anspricht.
Für das Bekenntnis zu Jesus braucht es keine Kirche, keine Kanzel, keine Veranstaltung.
Es reicht ein kleines Café an einer Straße.
Es braucht Mut.
So wie bei der Türkin.
Im Alltag. In einer Arbeitspause.
Einfach dort, wo man sitzt.
Wo man lebt.
Wo man ohnehin ist.




