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Dann stirb halt!

Auf dem Gehweg stehen zwei Jungs und zoffen sich. Über ihren Köpfen schwebt unsichtbar und doch für alle ersichtlich der Schriftzug „du nervst wie Sau!“

15. November 2022

Der Kleine ist einen Kopf größer als ein Schäferhund. Der Vergleich passt, denn das Kind will von der Leine. Doch der große Bruder umschließt die Kleinkinderhand in seiner Faust. „Lass mich los!“, brüllt das Kleinkind. 
„Du bleibst hier!“, nervt der große Bruder zurück. „Die Straße ist gefährlich!“
„Du. Sollst. Mich. Loslassen!“, tobt das Kind.
Der Große starrt seinem Bruder ins Gesicht, zieht seine Hand zurück und schreit: „Dann stirb halt!“ 

Schon klar … läge der Kleine halb tot auf der Straße, würde sich der verfrustete Großbruder lebenslange Vorwürfe machen. 

Manchmal lassen wir Statements von der Leine, die alles und jeden zerstören können: 
„Dann geh doch!“, schreien wir dem Partner ins Gesicht.
„Ich kündige!“ „Ich hasse dich!“ „Ich bring’ mich um!“ „Lass’ mich in Ruhe!“ Oder … „dann stirb halt!“ 

Und dann wird es still im Zimmer. Der andere steht auf, zieht die Jacke vom Bügel und schlägt die Tür zu. Weg. 
Der Vorgesetzte drückt so lange seine Fingerspitzen gegeneinander, bis sie weiß sind. 
Du beschaffst dir Tabletten. Viele. Tabletten.

Angedroht. Ausgesprochen. Porzellan zerschlagen. Die Tür ist dicht, und der Schlüssel steckt im Schloss. Von innen natürlich. 

Ich wünschte, Gott würde uns in solchen Situationen ein himmlisches Seil vor die Füße werfen, das uns - wie einen Wasserskifahrer hinter einem Motorboot hängend - aus der Gefahrenzone in ruhige Gewässer zieht. 
Doch der Kummer, den wir mit uns herumführen, greift nicht nach Rettungsseilen. Selbst wenn die aus dem Himmel direkt vor unsere Füße fallen. 

Es ist schon ein erstaunliches Leben, das wir führen. Heute sind wir selbstsicher und könnten allen Weltenbürgern (wenn die es denn wissen wollten … ) sämtliche kosmischen, politischen und psychischen Zusammenhänge erklären. 
Nur wenige Stunden später verstehen wir uns selbst nicht mehr.

„Jesus versteht uns in unserer Schwachheit“, steht im Neuen Testament (Hebräerbrief Kapitel 4 Vers 15). 
Haben wir uns im hässlichen Kummerloch wohnlich eingerichtet, dann nerven solche Statements. Es ist doch alles so schön dunkel und traurig und tränennass. 

Doch es kommt der Tag, an dem es dich anwidert … dein Selbstmitleid. Seit Wochen lümmelt es vollgefressen auf deinem Sofa, wiederholt die immer gleichen abgedroschenen Phrasen und verlangt nach Aufmerksamkeit. 
Die Wahrheit klingt banal und ändert doch das komplette System: Du bist es, der Licht ins Dunkel bringt. 
Ein erster Schritt könnte sein, dass du dir Gedanken darüber machst, was es heißt, dass „Jesus uns in unserer Schwachheit versteht“. 

Der Weg aus dem Kummerloch zurück ins Leben ist kein leichter. Da liegt ja immer noch das zerschlagene Porzellan; schweben immer noch die gehässigen Statements über zerstörtem Land. Gerade deshalb wäre es an der Zeit, mit dem den Rückweg zu wagen, der dich versteht.