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In meinem Himmel

Was er Gott als erstes fragt, wenn er in den Himmel kommt, will ich von Jörg wissen.
„Wo ist Jan?“, platzt es aus ihm heraus.

Jan starb vor etwas mehr als vier Monaten. Mit 21.
Jörg ist sein Papa.
Und Jörg ist in der aktuellen superfromm – Folge mein Gast.

Über den Himmel reden ist das eine. Doch sein Kind nach dort verabschieden müssen, das andere.
Da wäre doch noch so viel zu entdecken gewesen! Neue Claims abstecken, Wissen erweitern, sich verlieben, eine Partnerschaft aufbauen, das Leben umarmen.
Geht alles nicht mehr.

Dass der Tod in unserer Welt keine Daseinsberechtigung hat, ist nachvollziehbar. Ist er doch die Trennungslinie, die allen weiteren Kontakt unterbindet. Umarmungen und Küsse? Geht nicht mehr. Mit stolzgeschwellter Brust im Bett stehen, weil die Tochter oder der Sohn es geschafft haben? Nicht in dieser Welt. Keine Chance, die nächste Generation in den Schlaf singen und schaukeln zu dürfen. Auf das Vorrecht verzichten, im fortgeschrittenen Alter seine Kinder um Rat zu fragen.
Alles nicht.

Kürzlich hörte ich jemand sagen, dass er keine Angst vor dem Tod habe. Mir klingt das viel zu heroisch.
Sicher, manchmal bleibt einem gar keine Zeit mehr, sich damit auseinanderzusetzen: Das Herz macht Schluss oder jemand aus dem Gegenverkehr verliert die Beherrschung über sein Auto. Frontaler Crash ohne Ankündigung.
In diesem Fall stirbt einer „angstlos“.

Meistens läuft’s doch so ab, dass wir uns irgendwie unwohl fühlen. Wir stimmen sogar zu einem Gesundheitscheck zu. Der Hausarzt verpasst uns eine Überweisung fürs MRT oder CT; der eklige Geschmack vom Kontrastmittel nervt und während der Untersuchung kämpfen wir gegen die Platzangst in der sargartigen Röhre.

Mit dem Ergebnis hätten wir im Leben nicht gerechnet.
Dann lieber einen Liter Kontrastmittel pro Tag hinunterwürgen.
Aber im Kampf gegen den Tod finden solche Deals kein Gehör.

Ja ja der Himmel. Jesus hat darüber gesprochen. Sich darauf gefreut. Aber ganz ehrlich: Ich bin froh, dass Jesus nicht mit fettem Grinsen dem Tod ins Gesicht blickte. Hätte er ja können, theoretisch. Schließlich warteten auf ihn die Engel und Gott und der Friede und die Gewaltlosigkeit und ganz sicher keine Umweltverschmutzung.
Aber Jesus hatte Angst. Dermaßen heftig, dass er unter Tränen Gott anflehte, den Kelch des Todes an ihm vorbeigehen zu lassen.
Gott ging nicht drauf ein.

Jesus wurde der Tod nicht erspart. Und wir müssen auch durch. Schon deshalb sind unsere Tränen völlig in Ordnung. Ebenso die Todesangst. So heftig, dass wir gegen ein paar Jahre Zusatzleben hier auf dieser Erde sogar den Himmel dafür eintauschen würden.

Ich will nicht theoretisieren. Wie ich die letzten Meter nehme, wird sich dann zeigen. Darüber muss und will ich mir keine Gedanken machen. Nicht jetzt und nicht heute. Stattdessen das Leben dankbar nehmen; gestalten und Neues schaffen. Mit anderen Menschen reden, ihre Geschichten hören.
Dass ich nach dem Leben in „meinen Himmel“ komme, glaube ich zutiefst. Dort gehöre ich hin. Wegen Jesus.