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Sonne über Schnee

„Wenn ich doch auch wieder so laufen könnte“, sagte die alte Dame. Ihre eine Hand lag auf dem Griff des Rollators, mit der anderen hatte sie sich bei der Krankenschwester untergehakt. Sie nickte mir zu.

Nur einen kurzen Moment tauschten wir Blicke aus. Ich hatte es doch eilig; nahm zwei Treppenstufen auf einmal. Keine Zeit für einen Small-Talk.

Das Gesicht der Frau habe ich schon wieder vergessen. Immerhin ist unser Micro-Meeting schon zwei Stunden alt. Ihr Wunsch verfolgt mich. Sonst würde ich nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben.

Es gibt Umstände, die sich nicht mehr ändern lassen. Die Dame wird – vermutlich – nie mehr durch den Schnee rennen.
Mann Mann Mann … diese Endlichkeit. Man schafft’s tatsächlich, sie zu verdrängen oder zu unterdrücken. Selbst sie zu vergessen klappt ganz gut.

„bewusst laufen“ … das ist einerseits die Dankbarkeit über den glitzernden Schnee, die untergehende Sonne, der rot eingefärbte Himmel, Rehe die die Strecke kreuzen … tausend Dinge.
Andererseits gehört dazu auch die Ahnung um eine Zeit, in der wir nicht mehr in der Lage sind, die Laufschuhe zu binden. Eine Zeit, in der wir lieber daheim bleiben, weil unser Rollator im Schnee stecken bleibt. Oder weil wir stürzen könnten und mit dem Krankenwagen ins nächste Hospital kämen. Bilder wie diese haben dann Wehmut und Trauer im Gepäck.

Tja … was für ein Spannungsbogen. Eine Mini-Begegnung, ein kleiner Seufzer, ein Tiefschnee-lauf … und schon wird eine Geschichte draus.
„bewusst laufen“ … könnte auch heißen „bewusst leben“. Weil ein Leben nie stehen bleibt. Ist ja auch gut so. Was für eine Horrorvorstellung: Du rennst und rennst und rennst – und kommst nie ans Ziel. Der Läuferalptraum.

Natürlich kommt irgendwann die finale Ziellinie. Doch bis es soweit ist, können wir noch Tausend Läufe laufend genießen. Über Schnee rasen, gegen Rehe Wettrennen starten. Alles super. Was für ein Vorrecht!

Jeder Läufer hört auf seinen Körper (ok … meistens). Er weiß, was er sich zumuten darf. Weiß, wann die Grenze erreicht ist.
Es kommt die Zeit, in der dem Läufer diese Entscheidung abgenommen wird: Der Körper wird zum Bestimmer.
Und dann kommt schließlich die Zeit, in der nicht einmal mehr unser Körper bestimmen kann. Weil es nichts mehr zu bestimmen gibt.

Es ist schon ein paar Jährchen her, in dem ich mit dem Vorhandensein dieser Ziellinie heftigst konfrontiert wurde. Du kannst dich nirgends beschweren, keine Drohungen ausstoßen, nichts. Heftig!

Ich glaube nicht, dass unser Leben mit dem Überqueren der Linie beendet ist. Vielmehr glaube ich daran, dass mich Gott auf der anderen Seite erwartet. Wer weiß, vielleicht gibt er mir die besten Laufschuhe überhaupt. Mit Superdämpfer und einem Profil, das dem härtesten Eis widersteht. Wir werden sehen.
Ich glaube daran, dass er mich jetzt schon sieht, und mir auch dann nicht den Rücken zudreht, wenn ich für zehn Kilometer über zwei Stunden brauche. Oder in keine Laufschuhe mehr passe. Zu fett bin. Zu behäbig. Zu alt.
Ich glaube an Gott. Und dass es ein Leben nach dem Leben gibt. Und wir uns im Himmel sehen.