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Der Ahnungslose

Es war einmal eine Epoche, in der es angesagt war, dass Trainer, Coaches und Motivationsmenschen an ihre Kursteilnehmer folgende Frage stellten: „Was soll auf deinem Grabstein stehen?“

Es war einmal eine Epoche, in der es angesagt war, dass Trainer, Coaches und Motivationsmenschen an ihre Kursteilnehmer folgende Frage stellten: „Was soll auf deinem Grabstein stehen?“
Anschließend gab’s 15 Minuten Reflexionszeit in der Stille. Jeder sollte seine Gedanken fliegen lassen. Danach folgte die große Austauschrunde.

Wenn du nicht weißt, warum du auf dieser Welt bist, dann fühlen sich diese 15 Minuten an wie eine Ewigkeit. Deine Kurskollegen kritzeln Geschichten aufs Papier und du starrst Löcher in die Luft. In der Austauschrunde winkst du ab und bittest deinen Sitznachbarn, an deiner Stelle zu erzählen. Der spricht dann von „mehrere Gemeinden gründen, den jungen Christen ein Vorbild sein und immer im Willen des Vaters leben.“
Während du dich fragst, was „immer im Willen des Vaters leben“ bedeutet, rauschen „ooh’s“ und „aahs!“ durch den Raum. Eine Studentin berichtet nämlich davon, ins Kriegsgebiet auszureisen um dort den Frieden Gottes auszuschütten. Die Zuhörer sind begeistert!
Angesichts ihres Vorhabens ist die Grabsteinübung nicht die schlechteste; die Aufschrift sollte sie schon vor ihrer Abreise in Auftrag geben.

Ein Ziel zu formulieren, halte ich für extrem wichtig. Ohne treibt die Zeit uns durch die Jahreswellen. Und je älter wir werden, desto passiver werden wir. Ein paar Bier in der Kneipe am Eck, der Minivan mit Kindersitz, die Beförderung in eine neue Gehaltsklasse und irgendwann die ausbezahlte Summe der Lebensversicherung auf dem Konto. Kinder, wie die Zeit vergeht …

Dieser ahnungslose Kursteilnehmer - wer hätte das gedacht - war ich. Die großspurigen Ankündigungen nervten mich, weil ich im Gegensatz zu den anderen keinen Schimmer hatte, was aufs Papier kommt. Vermutlich hätte der Steinmetz auf mein Grab „Der Ahnungslose“ modelliert.

Von besagten Trainern, Coaches, ja auch von Pfarrern, Predigern und anderen Referenten ist zu hören, dass Gott jeden mit einer besonderen Gabe und oder Befähigung ausgestattet hat.
Ja ja wunderbar.

Aller Ironie zum Trotz: Es stimmt. Jeder von uns hat Gaben, die zur Entfaltung kommen sollen.
Bevor wir uns also über die Aufschrift unseres Grabsteins Gedanken machen, muss die erste Überlegung lauten: Welche Gabe habe ich überhaupt?
Und hier kommt wieder der Gabenausstatter ins Gespräch. Nicht von ungefähr heißt es in der Bibel, dass Gott einen Plan für uns hat. Also: er. Für: uns.
Dies zu akzeptieren zieht den Abschied der eigenen Vorstellungen und Pläne nach sich.

Als die Jünger von Jesus ihn um eine Unterrichtseinheit in Sachen „richtiges und erhörliches Gebet“ baten, gab’s eine Minieinweisung ihres Lehrers.
Eine Passage in dem (sehr) kurzen Gebet heißt: „Dein Wille geschehe.“
Damit ist nicht MEIN Wille gefragt, nicht das Formulieren MEINER Wünsche sondern es handelt sich um die Bitte an Gott. Den Schöpfer. Den Gabenausstatter. Sein Wille soll mit mir und durch mich umgesetzt werden.
Das ist - sorry - eine grandiose Formulierung. Denn die beinhaltet auch mein Zugeständnis, dass er sich für mich und meinem Platz fürs Ausleben meiner Fähigkeiten tatsächlich schon lange vor mir Gedanken machte.
Ist so.

Im Wandel der Zeiten passiert's immer wieder, dass wir unsere von Gott gegebenen Gaben aus den Augen verlieren: Berufswahl, Partnersuche, Kindererziehung, Kredite zurückzahlen, auf die Rente vorbereiten, Heimplatz suchen - das Leben kostet Kraft und Energie und ist tatsächlich ziemlich schnell vorbei. Und am Schluss die Frage: War's das jetzt?!?

Keiner von uns kennt den genauen Zeitpunkt seines Rückflugs in den Himmel.
Bis dahin ist es nicht zu spät, Gott in sein Leben einzubeziehen.  

Dein Wille geschehe? Hinter dieser Formulierung versteckt sich auch ein „Vielen Dank!“ Denn wer kann schon von sich behaupten, dass er im Plan Gottes eine wichtige Rolle spielt!

Herzlichst, wo immer ihr gerade seid,

Thomas Meyerhöfer
werdet superfromm!  👍🏻