Blog

Du bist komisch!

Als ich mich vor gefühlt 150 Jahren mehr recht als schlecht durch meine Schulzeit kämpfte, musste ich mir von meinen Kollegen dieses Statement gefallen lassen.
Und warum?
Dreieckige Mr. Spock-Ohren?
Zwei Nasen im Gesicht?
Antennen auf dem Kopf?
Nope.

„Komisch“ zu sein ist nicht schön - da spielt das Alter keine Rolle. Außer man hat ein Selbstbewusstsein wie ein Panzer. Aber wer hat das schon.
Soll heißen: Das Urteil der anderen ist nichts anderes als eine Umschreibung für "Sonderling, nicht ganz klar in der Birne etcpp.“
Die Komischen werden in der großen Pause von den Coolen ausgelacht und von den Schlägern verprügelt.
Blöd auch, dass Vorurteile einen eingebauten Turbo haben. Bist du einmal in der Komisch-Schublade, düsen diese durch die Welt und verbreiten Bullshit.
Nicht schön.

Die wenigsten wollen komisch sein. Zumal das keine Follower generiert; keine Klicks produziert. Und: Die anderen Komischen stehen um dich rum. Die mit den riesigen Zahnspangen im Mund und den dicken Brillen auf der Nase.
Ist doch so, oder?

Jesus war komisch. Ohne Wenn und Aber. Ganz ohne dicke Brille, Pickel im Gesicht und ohne Zahnspange mit den blauen Glitzersteinchen im Drahtverhau.
Machte er seinen Mund auf, produzierte er Fragezeichen in den Augen der Zuhörer. BTW: Sogar seine Jünger waren ständig am geistigen hinterherhinken. Fragten sie nach, waren sie nach der göttlichen Erklärung genauso schlau wie vorher.
Ihr Jesus ließ sich mit Leuten ein, die in der forbidden zone lebten. Er zog die Komischen geradezu an: Verbrecher, Schwätzer, Schummler, Prostituierte, Schänder. Das ganze komische Programm.
Ehrlich nachgefragt: Hättest du mit diesen Typen gesehen werden wollen? Deinen ganz passablen Ruf dadurch aufs Spiel gesetzt?
Na also.

Willst du heute mit diesen Typen durch die Welt ziehen?
An einen glauben, der solche Spezialisten wie das Licht die Motten anzieht?
Um nicht selbst das Kasperlhütchen aufzuziehen, greifen wir zu einem bewährten Mittel aus der Werbewelt: Wir pushen Jesus ins Extreme.
Wir machen aus ihm den besten Liebhaber, einen Helfer in der Not, den Wunderheiler und den Allesversteher. Wir schwärmen bis zum Abwinken - denn das kommt gut und bringt die gewünschten Klicks.
Make Jesus cool again!

Allerdings läuft das in die falsche Richtung. Fangen wir an, uns genauer mit dem Leben des Jesus zu beschäftigen, dauert es nicht lange, bis das Alarmsignal zu blinken beginnt.
Paulus, einer der Autoren vom Neuen Testament, behauptet sogar, dass nicht die Reichen und Schönen zu Jesus finden, sondern die Ausgestoßenen, die Ungebildeten und Armen.*

Warum? Weil die Message von Jesus aufs erste Hören komplett abgefahren klingt:
Aus dem Himmel angereist, hinein in den Leib einer Jungfrau, geboren, geflohen, Schreinerei, Menschenretter, Gottessohn. Gekreuzigt, gestorben, tot. Auferstanden.
Das reicht für drei Telenovelas. Mindestens.
Und die Christen glauben dieses Zeug? Tatsächlich?!?
Und ab dafür: im Sturzflug in die Komisch-Schublade.

Dagegen schützt uns keine noch so perfekt ausgearbeitete Predigt, keine Vollblut-Musiker beim verzerrten Gitarrenspiel, keine mehrstimmig astrein intonierten Supersounds und auch nicht der prämierte Sonntagsglastempel.
So bald die Jesus-Message ausgesprochen wird, stockt der Zuhörer-Atem. Und wenn dann auch noch behauptet wird, dass dieser Jesus von seinen Nachfolgern dasselbe erwartet, beginnt das große Nachfolger-Sterben: sein Kreuz auf sich nehmen, ihm nachfolgen, ihm treu bleiben?
Man kann’s auch übertreiben.
Kleine Spitze zum Schluss: Ein Aufschrei der Entrüstung La-Ola’t durch die Welt, wenn einer von der großen Abrechnung im Himmel spricht.
„SUPERKOMISCH, dieser Typ“ tönt’s dann und zack, hat er den Stempel auf der Stirn.

Jesus konnte mit den Vorurteilen leben. Mehr noch: Sie waren ihm gleichgültig. Ihm ging’s nicht um Follower um jeden Preis, massenhaft zugeworfenen Herzchen (Likes) nach seinen Predigten, sondern darum, den Willen seines Vaters zu tun. Dazu gehörte unter anderem, alle Menschen zu lieben. Alle. Und er schaffte das.
Weil er wusste, wer er war.

Die beste Botschaft für die Welt darf mit den allerschönsten, professionellsten, kreativsten Mitteln verbreitet werden. Wenn möglich.
Oft reicht auch ein Gestotter; verschwitzte Klamotten, ein fehlerhaftes Klavierspiel, eine nicht zeitgemäße Sprache ... um zu bekennen, dass man an Jesus den Erlöser glaubt.
Zumal es Jesus wurscht ist, in welcher Verpackung seine Message unters Volk kommt. Er sorgt dafür, dass der Same aufgeht.
Sein, wie man ist. Sagen, was man glaubt. Den Rest erledigt der Sohn Gottes.

Wieso behaupteten meine Mitschüler, dass ich komisch sei?
Weil ich verrückte Ideen hatte. Mit Enthusiasmus mein Kinderleben gestaltete. Kreativ war.
Anfangs.
Doch im Lauf der vielen Jahre vergrub ich meine Kreativität. Wer will schon freiwillig komisch sein und freund-los durch sein Leben ziehen?

Es hat Jahre gebraucht, bis ich wusste, wer ich war. Schade um die verlorenen Jahre. Aber Gott sei Dank liegt das Leben ja noch vor mir. Also: loslegen.

Herzlichst, wo immer ihr gerade seid,

Thomas Meyerhöfer
werdet superfromm!  👍🏻

*Neues Testament, 1. Korintherbrief Kapitel 1 ab Vers 26