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GERHARD

„Wieso hast du ein Gerhard-Tattoo“, wollte ich von Jenni wissen. „Ist das der Name deines Opas?“
Die Fragen in ihrem Kopf rotierten - ihre Augen flimmerten.
„Welcher Gerhard?“, hakte sie nach.
„Dein Tattoo!", sagte ich schnell. "Auf deinem Unterarm - dort steht doch Gerhard, oder?! ?“

Jenni brüllte sich weg. 
„Gerhard“, japste sie immer wieder. Nachdem sie Luft bekam, verkündete sie: „Dort steht JAHWE!!“
Ich setzte meine Lesebrille auf und bat um ihren Arm. 
In der Tat, dort stand „jahwe“. In Minuskeln und Schreibschrift zwar, aber deutlichst zu erkennen. 
Reminder an mich: Bevor ich das nächste Mal ein Tattoo hinterfrage ... Brille aufziehen :)))

Da verpasse ich dem Herrn der Heerscharen ganz entspannt und höchst nebenbei einen neuen (unter-)irdischen Namen. Der Gerhard im Himmel? Na ja, ich bin überzeugt, dort gibt’s viele, die so heißen. Bloß haben die nichts zu bestimmen, sondern dürfen sich an der Ewigkeit erfreuen.
Läuft.

Nicht selten braucht’s den zweiten Blick: nachfragen, Offenheit praktizieren, die Lesebrille suchen (müssen) und aufziehen (wollen). Verzichte ich aufs Interesse und greife stattdessen auf meinen angeblich fehlerfreien Durchblicker-Alles-Checker-Modus zurück, treibe ich die ersten Dynamitstangen ins Lebensfundament des anderen. Klingt das übertrieben?
Nope. 

Kleines Beispiel aus den umfangreichen Unterlagen der Stillen Post:
„Mensch, die Jenni hat sich ein Tattoo stechen lassen. ‚Gerhard‘ steht dort. Hat die einen neuen Lover?“
Zwei Stationen weiter lautet die Message bereits: „Die Jenni und der Gerhard daten sich.“ 
Im Geiste sehen wir die vielen roten Gesichter hinter vorgehaltener Hand. Es zischt und nuschelt. 
Der Hörer am Ende der Post-Fahnenstange weiß Bescheid: Jenni hat die Scheidung eingereicht und wohnt schon länger bei Gerhard. Wer die Kinder nimmt, steht in den Sternen. Aber gewiefte Stille-Post-User hoffen auf Nachschub im Fake-News-Universum. 

Fake News sind Teil unseres Alltags. Und sie klingen IMMER höchst interessant, spannend und voll abgefahren. Selbst wenn wir Zweifel an den Aussagen haben, bleibt ein schaler fahler Nachgeschmack zurück. Ein „könnte da was dran sein?“ – Gedanke.

Deshalb: Stille Post gehört an die frische Luft. Im Gebirge braucht’s permanente Lawinenschutzmaßnahmen. Die befinden sic an gefährlichen Stellen und dienen dazu, die ins Tal donnernden Schneemassen aufzufangen oder abzulenken. 
Kommt eine Fake News angebrettert, dann erfordert’s Mut, die Message zu hinterfragen. 
Ein „stimmt das?!?“ ist die erste Maßnahme. 
„Ich frag mal nach“ ist Abwehrmöglichkeit Nummer zwei. 
Fake News beim Namennennen und Wahrheit auf den Weg schicken ist die letzte Variante, um die Dynamitstangen zu entschärfen. 

Schon klar, das kostet Zeit, ist eher langweilig (im Gegensatz zum Lügen verbreiten) und macht einen nicht beliebter. 

Um nochmals auf Jahwe zurückzukommen: Der fordert von seinen Nachfolgern, seinem Volk, den Christen folgendes Verhalten: „Du sollst nichts Unwahres über deine Mitmenschen sagen.“ 
Diese Message befindet sich in den zehn Geboten und gehört somit ins Zentrum allen Tuns. 
Das ist eine Aufforderung gegen blindes Abnicken und ein NOGO an alle Stille-Post-User. Oder um es mit einer abgeleiteten Version des Ober-Fake-Produzenten zu sagen: 
Make Wahrheit great again!