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Nicht alle Erinnerungen bringen mich zum Lachen

Fürs nächste Projekt muss ich tief in meine Vergangenheit eintauchen.
Um dorthin zu gelangen, hilft in meinem Fall kein Quantenbeschleuniger. Ich muss ausgraben, buddeln, anschauen und verwerfen. Meine Ausgrabungsstelle ist der Dachboden; dort stehen die Kartons voller Filmstreifen - Schwarz-weiß-Negativ.

Es hilft nichts - will ich das eine Bild finden, muss ich durch dreißig Jahre Foto- und Lebensgeschichte scrollen. Und weil's seinerzeit noch keine cloud-basierte Sicherung gab, halte ich jeden Filmstreifen vors Schreibtischlicht, um kurz drüberzufliegen. 
Jepp, liebe Kinder, ist schon klar: Ihr versteht nur Bahnhof und seht vor lauter Fragezeichen euer Smartphone nicht mehr. Damals trugen eure Eltern noch klobige Fotoapparate; waren froh, wenn von 24 oder 36 Aufnahmen drei brauchbare dabei waren. 😎😎😎

Bei meinen Ausgrabungen fiel mir eins in die Hände, das definitiv unter "unbrauchbar" läuft. Es ist verwackelt, die Farben sind ausgebleicht und der Bildausschnitt ist suboptimal. Also weg damit?

Auf keinen Fall, weil: Dieses - zugegeben minderwertige - Pic ist eins mit hohem Erinnerungswert. Für mich. Es zeigt eine alte Schreibmaschine. Einen wackligen Schreibtisch. Am unteren Bildrand ist noch im Anschnitt der Hörer eines Uralt-Telefons zu entdecken. Auf dem Schreibtisch liegen Formulare, die damals für die Unfallbearbeitung nötig waren. 

Es ist der Arbeitsplatz des Thommy M aus dem Jahr 1987. Seinerzeit, als ich noch in Polizistenuniform im grün-weißen VW-Passat durch Stuttgarts Straßen fuhr. Betrachte ich dieses Foto, höre ich die Stimmen von damals: Das Lachen von Wolfgang, das Gemurmel des Funkgeräts aus dem Nebenzimmer. Ich rieche den frisch aufgesetzten Kaffee und spüre die Hand von Uli auf meiner Schulter. "Kollege", sagt er voller Mitleid, "wir haben einen schweren Unfall auf der Neuen Weinsteige, wir müssen raus!" 
Erinnerungen. 

Es gibt Fotos, die bringen mich zum Lachen; andere erfüllen mich mit Wehmut und da sind natürlich auch die, die ungute Erinnerungen aus ihrem Winterschlaf wecken. Zeiten und Situationen, auf die ich alles andere als stolz bin. 

Der Vorteil einer Cloud ist, dass dort nur die Fotos landen, die mir wichtig sind. Alle anderen trashe ich ins digitale Nirwana. Sie werden mich nicht mehr einholen, erinnern und anklagen. 
Ganz anders die Negativstreifen auf dem Dachboden. Sie sind eine tickende Zeitbombe. Manche von ihnen. 

Um solche Konfrontationen mit meinem früheren Ich zu überstehen, hilft mir eine zweite Erinnerung. Ich höre das Versprechen von Jesus: "Deine Schuld ist dir vergeben." 

Ohne Witz: Ich halte meinen Erinnerungen diesen Trumpf unter die Nase. Das beschönigt mein Versagen von damals nicht. Aber es macht mich frei für Gegenwart und Zukunft.